Gastkommentar
Mitterrands langer Schatten

Wenn François Hollande die Wahl gewinnt, nehmen die Spannungen zwischen Deutschland und Frankreich zu. Das hat die Ära von Hollandes Vorbild François Mitterrand gezeigt.
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Wer ein Gespür für Geschichte und einen Sinn für die Wiederholbarkeit komplizierter Inszenierungen besitzt, schaut sich derzeit mit schmerzlichem Genuss Frankreich und seinen Präsidentenwahlkampf an.

Die Nase vorne bei den Meinungsumfragen hat François Hollande, ein bebrillter Sozialist von bisher unscharfen Konturen. Fast über Nacht hat er aber seine schulmeisterliche Blässe in ernstzunehmende Bissigkeit verwandelt.

Gegenspieler ist Amtsinhaber Nicolas Sarkozy, der aufgrund einer desaströsen Wirtschaftslage und eines um sich greifenden Vertrauensverlusts schon jetzt gute Gründe dafür hätte, sich auf einen neuen Lebensabschnitt jenseits der Politik mit seiner schönen Gattin Carla Bruni vorzubereiten.

Das Faszinierendste im Wahlgefecht ist allerdings nicht die Gattin des Staatspräsidenten, sondern die geschichtliche Parallele. Denn die Szene passt ziemlich genau zum Drama vor 31 Jahren, als in der legendären 1981er Mai-Wahlnacht ein Präsident der bürgerlichen Rechten, Valéry Giscard d'Estaing, abgerufen und durch den schillernden Sozialisten François Mitterrand ersetzt wurde. Das war in der 1958 geschaffenen Fünften Republik das erste Mal nach einer Wartezeit von 23 Jahren, dass ein Linksgerichteter das hohe Amt erhielt.

Jetzt liegt der letzte Sozialisten-Sieg bei den Präsidentschaftswahlen schon 24 Jahre zurück - 1988 konnte Mitterrand sein Mandat erneuern. Für Frankreichs Linke rückt eine neue Stunde des Triumphs, auch der Rache gegen die Rechten, in greifbare Nähe.

Der plötzlich selbstbewusst agierende Hollande hat ein Programm zusammengebastelt, das Frankreich in wichtigen Aspekten auf Gegenkurs zur wirtschaftspolitischen Orthodoxie der Bundesrepublik brächte. Bis auf die unter Mitterrand ausgeführten, später rückgängig gemachten Verstaatlichungen von führenden Banken und Industrieunternehmen klingen die Leitmotive des neuen Kandidaten wie die seines illustren Vorgängers.

Mit höheren Steuern auf die Reichen, Maßnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit, strengeren Kontrollen des Finanzsektors, einer Senkung des Renteneintrittsalters und der Schaffung von Tausenden neuer Lehrerstellen lehnen sich Hollandes Wahlversprechen an Mitterrands Programm an.

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