Gastkommentar
Moskau wird Kiew nie dem Westen überlassen

Deutschland spielt in Europa eine Sonderrolle mit seiner russlandfreundlichen Politik, weil es abhängiger von Russland als die europäischen Partner ist. Aus deutscher Sicht gilt: Wenn Russland die Ukraine braucht, um sich sicher zu fühlen, dann lässt sich nichts machen.
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Russland und die Ukraine streiten sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1992 über Gaslieferungen. Im Endeffekt kommt es immer wieder zu einer Einigung, weil Russland das Geld und die Ukraine das Gas braucht. Aber in den letzten Jahren hat es zwei entscheidende Änderungen gegeben.

Zum einen hat die "orangene" Revolution 2004 eine ukrainische Regierung an die Macht gebracht, die den russischen Zielen feindlich gegenübersteht. Denn Präsident Viktor Juschtschenko möchte sein Land in die Europäische Union und die Nato integrieren. Für Russland wäre das ein Todeskuss.

In der Ukraine liegt der größte Teil der Infrastruktur, die Russland mit Europa verbindet - von Pipelines über Schienen bis hin zu Hochspannungsleitungen. Die Industrie und die Landwirtschaft der beiden Länder sind tief verflochten. Im Osten der Ukraine leben mehr Russen als irgendwo sonst auf der Welt außerhalb Russlands. Die russische Schwarzmeerflotte ist im ukrainischen Sewastopol stationiert, weil es dazu keine vernünftigen Alternativen gibt.

Die Ukraine reicht so weit nach Südrussland hinein, dass eine feindliche Macht in diesem Land sogar Moskau bedrohen könnte. Außerdem zieht sich das Land so weit nach Osten hin, dass eine feindliche Regierung sogar die Verbindungen zum Kaukasus bedrohen könnte. Kurz gesagt: Wenn die Ukraine dem russischen Einfluss entgleitet, wird Russland strategisch völlig in die Defensive gedrängt. Umgekehrt: Wenn Russland die Kontrolle in Kiew zurückgewinnt, kann das Land sich zu einer regionalen - und vielleicht sogar globalen - Macht aufschwingen.

Und der neue Deal, der nun geschlossen wurde, signalisiert Russlands Zuversicht, die Ukraine unter Kontrolle zu behalten. Denn sonst hätte Moskau sich nicht darauf eingelassen, vorerst weiterhin Gas zu Vorzugskonditionen zu liefern.

Die zweite große Veränderung der letzten Jahre ist ökonomischer Natur. Russland kann heute einen vorübergehenden Ausfall der Gaseinnahmen verkraften. Seit Wladimir Putin an die Macht kam, hat das Land große Budgetüberschüsse eingefahren. Mitte 2008 stiegen die Finanzreserven auf 750 Milliarden Dollar. Die Krise seitdem hat den Optimismus in Russland gedämpft und bereits zu einem Abbau der Reserven um rund 200 Milliarden Dollar geführt. Trotzdem wird Russland von der Krise weitaus weniger getroffen als seine Nachbarländer - nicht, was das Ausmaß der Probleme angeht, aber was die Folgen betrifft. Denn Russland ist kein entwickeltes Land, nicht einmal eines, das sich ernsthaft darum bemüht. Daher wirkt sich dort eine Kapitalflucht viel weniger aus als, um nur ein Beispiel zu nennen, etwa in der Slowakei. Zwar ist Moskau noch nicht zu einer zentralen Planung zurückgekehrt. Aber trotzdem hat das Land heute mit seinem zunehmenden Staatseinfluss ökonomisch mehr Ähnlichkeit mit der Sowjetunion als etwa mit dem Russland von 1990 - ganz zu schweigen von westlichen Ländern.

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