Gastkommentar
Nach der Arabellion kommt der „islamische Frühling“

Die politischen Umwälzungen in Ägypten und Tunesien haben die Islamisten an die Macht gespült. Die geben sich moderat und liberal. Und doch bekommt die Demokratie in beiden Ländern eine deutlich religiöse Färbung.
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Ein Jahr nach dem „arabischen Frühling“ ist daraus ein „islamischer Frühling“ geworden. Davon künden der Wahlsieg der islamistischen Ennada in Tunesien sowie die Zweidrittelmehrheit der Islamisten in Ägypten. Anderswo kommt die Macht nach wie vor aus den Gewehrläufen.

Auf dem Forum der Großen und Klugen in Davos stand naturgemäß die Wirtschafts- und Euro-Krise im Vordergrund – Pech für die „Arabellion“, die 2011 zu spät fürs Programm kam und nun fast wie die Nachricht von gestern erschien, jedenfalls im Vergleich zum Kriegsgeschrei im Persischen Golf. Aber hier und da wurde doch über die politischen Jahreszeiten in Arabien geplaudert – unter dürren Mottos wie „The Arab Context“.

Sinnbildlich für die Deklassierung der liberalen Kräfte – der Twitter- und Facebook-Brigaden – sitzt die tapfere Amira Yahyaoui auf den Podien, eine Aktivistin aus Tunis. „Kann die Demokratie nach Arabien kommen?“ fragt sie. „Ich bin sehr optimistisch.“ Schade nur, fügt sie hinzu, dass die Bürgerlichen einen so schlechten Wahlkampf geführt hätten, während die Islamisten „sehr gut“ gewesen seien.

Habib Haddad, CEO aus den Emiraten, wirkt wie ein Marlboro-Mann der Modernisierung – teurer Anzug, perfektes Englisch. Doch schon im ersten Satz die erstaunliche Wende: „Ihr könnt der arabischen Welt die Moderne nicht aufdrücken.“ Die Unterdrückung durch den Westen, die aufgezwungene Säkularisierung durch die Nassers und Saddams hätten den Arabern ihre Identität geraubt. Jetzt bleibe nur noch der Islam. Interessanterweise tauchen in der Geschichte der Erniedrigung nie die Türken auf, die 400 Jahre lang den Nahen Osten beherrscht und die arabische Hochkultur erstickt haben.

Islamisierung als Schicksal? Der ägyptische Islamgelehrte Masoud liest von einem anderen Sprechzettel ab: Sein Volk habe in Wahrheit nicht für die Scharia gestimmt, sondern für Brot, Jobs und Sicherheit. Das hieße mit Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die demokratische Moral.

Keine Angst, wirft Achmed Zewaii ein, „unsere Islamisten werden nicht anders sein als europäische Christdemokraten“. Der Mann lebt freilich als Professor in Kalifornien. Jedenfalls sei der Islam keine Bedrohung, es müsse nur „die Umgebung stimmen“, also Frieden und Wohlstand herrschen. Historisch ist diese Lesart nicht falsch, siehe Europa. Nach 500 Jahren, in denen sie die blutigsten Kriege und Revolutionen angezettelt hatten, sind die Europäer tatsächlich zahm geworden. Denn: Im tiefsten Frieden, in einer funktionierenden Demokratie, haben die Rattenfänger keine Hochkonjunktur mehr, seien es weltliche oder religiöse Heilsbringer.

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  • jede normale Geburt kann auch unschöne Begleiterscheinungen haben.

    Trotzdem gibt es keinen Weg zurück.

  • Joffe, Demokratie und kritische Berichterstattung:
    http://www.youtube.com/watch?v=xUeOR_dn-IE
    LG
    Blackstone13

  • Es wird wohl noch eine längere Weile dauern,bis die Mehrheiten in den arabischen Ländern erkennen werden,daß ihnen die regierenden Islamisten nicht "Brot und Jobs" und wohl ebensowenig "Sicherheit" werden beschaffen können.Im (nicht-arabischen)Iran hat dieser Ernüchterungsprozess mit einer schleichenden Aushöhlung des Mullah-Regimes längst eingesetzt.Wohl nicht schon bald,aber doch irgendwann,werden Regime dieser Art zusammenbrechen.

    Was wohl danach kommen wird ? Ohne entsprechende Institutionen und ohne ein entwickeltes Verständnis und genuines Bedürfnis bei den Mehrheiten,wohl wiederum kaum eine Demokratie oder Ähnliches.

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