Gastkommentar
Neues Chaos

Die Politiker sind die wirtschaftlichen und politischen Probleme in Europa und den USA halbherzig angegangen - und zu spät. Damit werden sie die Welt 2012 in eine neue Depression stürzen.
  • 7

Das Positivste am Jahr 2011 ist, so ein Spötter kürzlich, dass es vermutlich besser war als 2012. Doch ich sehe weitere positive Aspekte: Die USA scheinen endlich den gähnenden Abgrund zwischen dem obersten Prozent und dem Rest der Amerikaner wahrzunehmen. Und die Protestbewegungen der Jugend, vom arabischen Frühling über die spanischen "Indignados" bis zu den Wall-Street-Besetzern, haben offengelegt, dass mit dem kapitalistischen System etwas absolut nicht in Ordnung ist.

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden sich aber die wirtschaftlichen und politischen Probleme der USA und Europas, die bis jetzt völlig falsch angegangen wurden, 2012 weiter verschlimmern. Vorhersagen für das folgende Jahr hängen mehr als üblich von der Politik ab. Wirtschaftliche Prognosen sind schon schwer genug, aber bei politischen Voraussagen sind unsere Kristallkugeln noch stärker vernebelt. Trotzdem möchte ich hier mein Möglichstes tun.

Die Staatsführer Europas werden nicht müde, ihre Verpflichtung zu betonen, den Euro zu retten. Aber diejenigen, die dazu in der Lage wären, sehen keinerlei Verpflichtung, das dazu Nötige zu tun. Sie haben eingesehen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Rezession steigt und die Problemländer der Euro-Zone ohne Wachstum nicht ihre Schulden unter Kontrolle halten können. Aber sie haben nichts getan, um Wachstum zu fördern. Sie befinden sich in einer Todesspirale.

Das Einzige, was die Zinsen niedrig hält und damit den Euro kurzfristig rettet, ist der Ankauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank. Ob man es gutheißt oder nicht: Die einzelnen Staaten werden momentan durch die EZB finanziert. Deutsche Politiker haben dies missbilligt, und die EZB fühlt sich dabei nicht wohl, hat ihre Käufe limitiert und verlauten lassen, dass der Euro anstatt durch die Zentralbank durch die Politiker gerettet werden müsse. Aber die politischen Maßnahmen waren halbherzig und kamen zu spät. Das wahrscheinlichste Szenario: Sparmaßnahmen, schwächere Volkswirtschaften, mehr Arbeitslosigkeit und fortlaufende Defizite, während die europäischen Politiker immer nur das Mindeste tun, um die Krise kurzfristig zu entschärfen. Kurz gesagt: mehr Chaos.

Der Tag der Abrechnung, an dem der Euro zusammenbricht oder Europa die erforderlichen Maßnahmen ergreift, könnte 2012 kommen. Die Politiker werden zögern, Europa wird leiden, ebenso wie der Rest der Welt.

Kommentare zu " Gastkommentar: Neues Chaos"

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  • Das ist in der Tat die entscheidende Frage, die lieber nicht beantwortet wird, denn wer möchte sich mit der Hochfinanz anlegen, die alles kontrolliert und verdient? Wer sich umschaut findet seit dem 20.Jahrhundert viele Beispiele, die das belegen. Die Einen profitieren von dem System, die Anderen durchschauen es nicht und glauben, dass alles „alternativlos“ ist.
    Pläne, die etwas ändern könnten werden kaum diskutiert, weil es bedeutet, dass man in die „Systemfeindliche Ecke“ und damit kaltgestellt wird.
    Stiglitz macht zwar Andeutungen hinsichtlich der Umverteilung aber traut sich nicht wirklich. Das „Wohlfühlleben“ wäre dann vorbei, denn dann würde die Treibjagt eröffnet. Das ist ihm sicher klar.

  • Why Mr. Stiglitz doesn't say about 'reasons' of crisis? What lays under it and which sources of it? It's the most important question because it can answer show the reasons and can show the ways to pass it.
    What's is the MAIN REASON(s) of current crisis?

  • Was heisst hier Monetarismus, fraglose Obrigkeit, Schuldenberge usw.
    In allen Kommentaren wird übersehen, dass die Verschuldung in allen Staaten nur deshalb entstanden ist weil die Politik den Sozialausgaben Vorrang gegenüber allen nüchternen Überlegungen gegeben hat. Welcher vernünftige Mensch geht so mit seinen Einnahmen um?
    Und welche Regierung traut sich schon, Millionen von Bezugsempfänger eine Schrumpfkur zu verpassen? Gestern hat es in den Tagesnachrichten geheissen, der deutsche Finanzminister muss täglich 100 Millionen Euro nur an Zinsen für die Schulden unseres Landes bezahlen. Nicht zu vergessen: im Haushalt 2012 wird jeder dritte Euro für Sozialausgaben verwendet und knapp 40 Milliarden für Zinszahlungen und gleichzeitig werden 27 Milliarden Schulden neu aufgenommen. D. h. die neuen Schulden reichen nicht aus um die Zinsen der alten Schulden zu begleichen und dabei wird von Tilgung der Schulden noch gar nicht geredet. Nun, wer ist und wo liegt das Problem?

    Zum Schluss ein Zitat von Albert Schweitzer: "Ich will kein ausgehaltener Bürger sein, gedemütigt und abgestumpft weil der Staat für mich sorgt"
    So eine Meinung unters Volk zu bringen ist nicht erwünscht. Weil ein selbstbewusster Bürger solche Politik nicht wählt. Schweitzer ist vergessen und verarmt irgendwo im Schwarzwald verstorben und begraben.

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