Gastkommentar: Ratingagenturen taugen nicht zum Sündenbock

Gastkommentar
Ratingagenturen taugen nicht zum Sündenbock

Nach der jüngsten Herabstufungswelle sind die Ratingagenturen schnell wieder zu Sündenböcken erkoren worden. Doch das ist blanker Unsinn. Es gibt keine Verschwörung gegen Europa. Ein Gastkommentar.
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Früher waren Juden und Jesuiten die Weltverschwörer. In jüngerer Zeit sind die Hedge-Funder und „Heuschrecken“ aufgerückt, nun wieder die Ratingagenturen. Selbstverständlich hat der moderne Mensch magisches Denken längst überwunden (abgesehen von Feng-Shui und Bergkristallen). Aber nicht das „Sündenbock-Syndrom“, das so alt ist wie Levitikus 16.

Kaum hatte Standard & Poor’s neun Euro-Länder herabgestuft, da meldeten sich die üblichen Zitatelieferanten. Für Martin Schulz (SPD) war der Downgrade ein „gezielter Angriff“ auf den „europäischen Schutzschirm“. Sein CDU-Kollege im EU-Parlament, Elmar Brok, sprach gar von „Währungskrieg“ und „anglo-amerikanischer Interessenpolitik“. So einfach ist die Welt.

Hätten die Großpolitiker genauer hingeschaut, wäre ihnen ein hässliches kleines Faktum aufgefallen: Auch in Amerika wurde Standard & Poor’s zur Zielscheibe – nachdem die Agentur das eigene Land von Triple-A auf AA+ herabgestuft hatte. So patriotisch, wie die hiesigen Amerikaexperten glauben, kann also S&P nicht sein. Oder: Die Agentur ist nicht zu streng, sondern zu lasch. Das US-Justizministerium ermittelt, ob S&P vor dem Crash zweifelhafte Hypothekenprodukte abgesegnet habe, um den Emittenten zu gefallen.

Das wäre justiziabel, aber kein Komplott gegen Europa. Auf jeden Fall sind die Prozeduren der Agenturen transparenter, als es der jeweiligen „Weltverschwörung“ – den Freimaurern oder „Weisen von Zion“ – zugeschrieben wird. Sie stellen eine schlichte Frage: Kann ein Schuldner bedienen und zurückzahlen? Sie blicken dabei auf Reserven und Cash-Flows, Kosten- und Markttrends, aber auch auf die Qualität des Managements. All das wird bis zum Fälligkeitstermin in die Zukunft verlängert.

Hexerei ist das nicht, aber das Evangelium auch nicht. Die Agenturen können wie im Fall Enron oder Parmalat kräftig danebenliegen. Es ist eine Mischung aus Zahlen, Annahmen und Projektionen. Warum aber meckert kein Politiker, wenn sein Land dreimal A kriegt, sondern nur, wenn eines wegfällt? Eine löbliche Ausnahme bildet SPD-Chef Gabriel, der nicht an die „Verschwörungstheorie“ glaubt, „dass die bösen USA Europa ruinieren wollen“.

Im Gegenteil: Das gesamte US-Finanzsystem, von der Notenbank abwärts, zittert mit den Europäern. Denn die US-Banken hängen genauso mit drin. Kommt Crash II in Europa, kommt er auch in Amerika – wie seit 1873. Selbst der Abstieg des Euros lässt keine Schadenfreude aufkommen – schlecht für die Exportchancen von „Made in USA“.

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Die Herabstufung Frankreichs hat die Märkte nicht überrascht

Kommentare zu " Gastkommentar: Ratingagenturen taugen nicht zum Sündenbock"

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  • Doch, taugen sie wohl!

  • Doch, taugen sie wohl!

  • Die Politiker passen doch zum Volk

    wie man gerade an der BIL- Wulff Affäre gesehen hat, lässt das profane Stimmvieh sich so leicht in jede erwünschte Schweinebucht treiben, wie es den Oberen gerade gefällt. Weit über 70 – 80% der Bevölkerung hat es „bewusst“ übersehen, dass man Wulff nur schlachten wollte, weil er sich (Rede zu Lindau) gegen den Terror der Bankster aufgelehnt hat.

    So „alternativ begabt“, wie der typische Wähler mehrheitlich ist, muss man sich über keine Äußerung oder Aktion der Politiker mehr wundern.

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