Gastkommentar

Sarrazin provoziert Eskalation der Euro-Krise

Thilo Sarrazin verbreitet mit seinem Anti-Euro-Buch falsche Botschaften. Damit trägt er in der gegenwärtigen krisenhaften Situation zu möglicherweise verheerenden ökonomischen und politischen Entscheidungen bei.
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Der Direktor des Institutes für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn. Quelle: dpa

Der Direktor des Institutes für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn.

(Foto: dpa)

Um es vorweg zu nehmen. Das Buch „Europa braucht den Euro nicht“ von Thilo Sarrazin ist ein schlechtes und  verantwortungsloses  Buch. Des Inhalts wegen wäre beschämtes Schweigen die richtige Reaktion. Doch dies ist keine Option mehr in einem medialen Umfeld, in dem Aufregung mehr zählt als sachlicher Gehalt und Vernunft. Die massive publizistische Aufwertung des Buches durch Fernsehanstalten und verschiedene Magazine lassen Schweigen als stille Zustimmung erscheinen.

Hinzu kommt die lauwarme Kommentierung durch einzelne Ökonomen, die sich im Geflecht richtiger und falscher Fakten verheddern und damit die Botschaft aussenden, dass eben nicht alles falsch ist, was Sarrazin schreibt und sagt. Im Kern, wenn man einmal die Übertreibungen weglasse, habe er vielleicht sogar Recht. Unter diesen Umständen ist Schweigen weder inhaltlich noch moralisch zu rechtfertigen. Deshalb sei hier Widerspruch und Anklage erhoben.

Thilo Sarrazin stellte neues Buch vor

Sicher, in Sarrazins Buch stehen auch richtige Fakten. Es gibt eben auch Richtiges im Falschen. Wir kennen die Beispiele aus der deutschen Geschichte. Aber das Buch als Ganzes ist falsch. Es fängt mit dem Titel an, zieht sich methodisch durch das ganze Buch und endet in unappetitlichen politischen Mutmaßungen, die inhaltlich nahtlos an das Vorgängerbuch anschließen und beweisen, dass es zumindest einen nationalistischen Sozialdemokraten gibt.

Der Titel ist als Provokation gedacht. Leider fangen damit schon die falschen Botschaften an. Denn die Frage, ob Europa den Euro braucht oder nicht, führt schon in die falsche Richtung. Die Einführung des Euro, die auf einen Beschluss der europäischen Staats- und Regierungschefs von 1992 zurückgeht, war ohne Zweifel ein stark politisch motivierter Beschluss vor dem Hintergrund der deutschen Vereinigung und des neuen, nunmehr offenen Europas. Ob diese Entscheidung seinerzeit falsch oder richtig war, darüber kann man lange streiten. Das mag aus historischer Perspektive von Relevanz sein. Für die heutige Entscheidungssituation ist diese Frage jedoch bedeutungslos. Denn, falsch oder richtig, der Euro wurde eingeführt.

"Das Rad der Euro-Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen"
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322 Kommentare zu "Gastkommentar: Sarrazin provoziert Eskalation der Euro-Krise"

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  • Was sagen uns die EURO-Apologeten um Prof Horn:

    Nachdem sie das Ziel aus den Augen verloren hatten
    verstärkten sie Ihre Anstrengungen!!!

    Heese-Osten

  • Viel verantwortungsloses BlaBla Herr Horn. Wenn ich mit ihren Worten sprechen darf. Es ist pseudowissenschaftlich Unfug was sie da schreiben. Allein das der Euro unumkehrbar hat mit Wissenschaftlickeit nix zu tun, Eher ist es eine praktischer Anwendung. Sie schreiben auch über die Kosten die der Euro bisher schon verursacht hat. Wer die Kosten verursacht, und warum und mit welchen Mitteln kommt bei ihnen überhaupt nicht vor. Vor allen Dingen nicht wo das Geld geblieben ist. Das wäre doch einmal eine schöne Aufgabe. Aber stattdessen verlieren sie sich in billiger Polemik der Gutmenschen Rhetorik. Alle sind doof und blöde die gegen den Euro waren und immer noch sind.
    Da können sie sich durchaus mir der Claudia Roth vergleichen - wissenschaftlich.

  • Die Euro-Zone hat sich zu einer EU-Vertragsbruch-
    Gemeinschft entwickelt. Die Politiker der im Bundestag vertretenen Parteien, egal ob Regierung od. Rot-Grüne
    Opposition "verarschen" den deutschen Steuerzahler seit dem
    Bruch der Maastrichtkriterien und das steigert sich seit dem ersten Griechenlandrettungspaket fort und fort.

  • In einem Kommentar in Spiegel 42/1993 zitiert Augstein den FIGARO:
    "Die Gegner von Maastricht fürchten auch, dass die Einheitswährung und die Europäische Zentralbank die Überlegenheit der Mark und der Bundesbank festigen würden.Aber genau das Gegenteil ist der Fall.Wenn der Vertag angewandt wird, muss Deutschland seine Geldmacht teilen, die es heute gebraucht und missbrucht, indem es sich die Wiedervereinigung vom Ausland bezahlen lässt. 'Deutschland wird zahlen' sagte man in den zwanziger Jahren. Heute zahlt es: Maastricht,das ist der Versailler Vertrag ohne Krieg."

    Augstein weiter: "Wohl ist möglich, ja wahrscheinlich, dass eine Stabilitätsgemeinschaft nicht zustande kommt. Als Inflatios- und Interventionsgemeinschaft könnte sie sich aber etablieren, wie sollten die Deutschen dann noch aussteigen?"

    Augstein war ein weitblickender Mann. Ganz anders als Gustav Horn.

  • "Das wird Verwerfungen an den Finanzmärkten hervorrufen"

    Ooooch... Die armen armen Finanzmärkte...

    Öhm, Moment mal. Verwerfungen ? Das können die ganz alleine, dafür muss man den Euro nicht abschaffen.

  • "Das Rad der Euro-Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen"

    Obiger Satz erinnert an Sätze, die man heute eher amüsiert zur Kenntnis nimmt:

    a) z. B. "Niemand hat die Absicht, ein Mauer zu bauen".
    b) "Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf".
    c) "Vorwärts immer, rückwärts nimmer".
    d) "Die Mauer steht noch in 50 Jahren".

    Obiger Satz des EURO-Optimisten erinnert an heftiges Pfeifen im Walde.

    Übrigens, eines der einsichtigsten deutschen Argumente für den Euro war Folgendes:

    "Nach Einführung des Euro können die traditionellen Abwertungsstaaten (Frankreich, Italien, Spanien und andere) nicht mehr abwerten."

    Die Folgen dieses Nicht mehr Abwerten Könnens für die entsprechenden Staaten erleben wir gerade in der Euro-Krise. Im Grunde war es das hinterhältigste Argument, das man für den Euro ins Feld führen konnte.
    Jedem, der ökonomisch bis Drei zählen konnte, musste klar sein, was das für Europa bedeuten konnte.
    Jeder, der die Dinge damals so weit durchblickte, hätte als Freund der EU dringend vom Euro abraten müssen und können,
    es sei denn, ein etwas hinterhältiger Charakter hielt ihn davon ab.



  • Goldfan schreibt: Sehr richtig! Die verantwortlichen Politiker sollten vor ein Gericht gestellt werden. Wie im alten Rom. Man gibt
    keine nationale Währung aus angeblich höheren politischen
    Gründen auf. Aus ökonomischen Gründen war die Einfühung
    des EURO von Anfang an falsch. Die Wettbewerbsfähigkeit
    der einzelnen Volkswirtschaften war einfach zu unterschiedlich. Eine Abwertung der Währung ist ja
    nun nicht mehr möglich. Dafür sollen die Völker umer-
    zogen werden. Am "deutschen Wesen soll die Welt ....."
    So ist der EURO zu einem Sprengsatz in Europa geworden.
    Gerade das Gegenteil von dem, was angestrebt wurde.
    Wir müssen uns nun täglich den Schwachsinn der Politiker
    und angeblicher- vom Bund bezahlter- "Fachleute" anhören.
    Gehalts- und Pensionskürzungen wären als erstes ange-
    zeigt.

  • @Hajoe
    "Das Endspiel hat begonnen...
    Am Ende wird Herr Sarrazin noch schuld am Zusammenbruch des Euro sein..."

    Dafür würde ich ihn beglückwünschen.

  • Karola
    Der Euro ist nur stabil, weil die Schweizerische Nationalbank ihn stützt.

  • Herrn Horns These, pointiert zugespitzt, erreicht den Gipfel: wenn der € untergeht, ist Sarrazin schuld. Weiters: dann folgt eine polemische Diskussion von wegen "Das Rad der Euro-Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen": Mit gleicher Begründungsweise könnte man das Nazireich verteidigen, z.b. mit der forderung, es hätte auch von innen heraus reformiert werden können. Und jetzt habe ich Nazis mit der EU verglichen? Nein, nicht ganz, ich habe nur die Art und Weise verglichen, wie eine ökonomisch nicht zu rechtfertigende Währungsunion mittlerweile dem Volk "verkauft" wird und diese übertragen. Allerdings: wer den totalitären ESM-Vertrag mit absoluten Vollmachten (außerhalb der Rechtssprechung!) diverser €führer gelesen hat, mag mir den Unterschied zu Nazimethoden erklären...

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