Gastkommentar
„Shitstorms“ und Treibjagden

Chance für mehr Demokratie und Treibhaus für Demagogen: Für Bodo Hombach ist das Netz ein Paradox. Es steht für die Idee einer undurchdringlichen Durchlässigkeit.
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Internet. Facebook, Google, Twitter. Das große Irgendwo. Alles steht auf Klick zur Verfügung. Von der klügsten Bemerkung bis zur Latrinenparole: Alles ist wie in Stein gemeißelt. Weltweit. Für immer.

Das „Welt-Netz“ ist da, und allmählich dämmert uns: Es ist ein Quantensprung der kulturellen Evolution, vergleichbar mit der Erfindung der Schrift oder des Buchdrucks. Es verändert nicht den Menschen, aber fast sämtliche Parameter seiner alltäglichen Existenz.

Das wurde lange ignoriert. Öffentliches Nachdenken wurde als exotisch belächelt. Kirchen, Schulen, Gewerkschaften, Parteien waren sprachlos und eingeschüchtert. Eine neue Partei war nötig, um wichtige Fragen aufzuwerfen. Noch stammelt sie Antworten, aber schon erscheinen alle anderen als antiquiert.

Wir brauchen die große Debatte der Gesellschaft über Chancen und Gefahren – nicht der neuen Technik oder des neuen Mediums, sondern der neuen Situation, in der wir leben.

Das Netz respektiert keine eingeübten Gewissheiten. Globale Ferne wird zur unmittelbaren Nachbarschaft. Ungleichzeitige Kulturen prallen hart aufeinander. Der zeitliche Abstand zwischen Ereignis und Wahrnehmung schrumpft gegen null. Herrschaftswissen wird zur puren Illusion. Menschenmassen ballen und organisieren sich auf Zuruf zu mächtigen Bewegungen. Eine exponentiell anschwellende Informationsflut. Privater und öffentlicher Raum sind kaum zu unterscheiden.

Das Netz erfüllt uralte Weltbürger-Träume. Hierarchien werden flacher, Entscheidungen transparenter, Teilhabe wird möglicher. Eingeübte Verhaltensmuster und Rollenbilder weichen auf.

Das ist nicht die Lösung der Probleme, aber es vermehrt die Alternativen. Man hat die Wahl, aber man muss auch wählen. Entgrenzung bedeutet Asymmetrie: zwischen Entwicklern und Usern, Großrechnern und Hackern, Weltenbummlern und Schrebergärtnern, eleganten Bildschirmflaneuren und widerborstigen Erbsenzählern. Schicke einen Spießer auf Weltreise, und er kommt als braun gebrannter Spießer zurück.

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„Neue Anonymität ist demokratische Chance“

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  • Die "ergiebig drängenden Fragen und erregenden Signale" die Bodo Hombach im Internetz zu vernehmen scheint,gehen einem ja wirklich unter die Haut.Besonders die Chancen für mehr Demokratie und das Treibhaus für Demagogen sind ja direkt poetisch.Ob Bodo Hombachs berühmt-berüchtigte Bauchgefühle hier wohl wieder im Spiel sind,und deren Richtigkeit dann auch bald empirisch belegt werden?MannoMann,gehts eigendlich noch: das Netz ein Paradoxon,die Idee einer undurchdringlichen Durchlässigkeit!!! Ich bin mir angesichts dieser wunderbaren Politiker-Floskeln nicht mehr ganz sicher,ob der Kommentar nicht zur sinnfreien Rede 2012 vorgeschlagen werden sollte.

  • Fast alle bejubeln die Piraten und ihre angeblich transparente neue Form von Politik.
    Ich aber habe Angst! Schon bei einer oberflächlichen Analyze fällt auf, dass die führenden Köpfe der Piraten aus der "Hacker-Szens" kommen und sich untereinander kennen. Dann ist da noch die große Gefahr der Unterwanderung durch extreme politische Gruppen. So kann ich durch das System der Piraten hunder-mal Mitglied werden, immer unter einem anderen Synomym. Dann gebe ich all diese Stimmen an ein reales Mitglied und mache den zu einem "Super-Delegierten". Mit all diesen erschwindelten Stimmen mache ich nun extreme Politik. Vor Ausschluss muss ich mich ja nicht fürchten, wie die jüngst Vergangenheit zeigt.

  • Ein wirklich guter Artikel, der dass Problem beschreibt.
    Gerade im Urheberrecht kristallisiert sich diese Herausforderung, ohne das den etablierten politischen Parteien irgendetwas Sinnvolles dazu einfällt, als einfach das alte Geschäftsmodell fortzuschreiben und festzunageln.

    Es wird und es muss Grenzen geben, eben um dafür zu sorgen, das sich die Chancen und nicht der Missbrauch durchsetzen. Die bisherigen Vorschläge zum Urheberrecht begünstigen aber nur den Missbrauch, weil sie den Machterhalt der alten Strukturen zum Ziel haben. Wegen der neuen Dimension des Mediums aber tatsächlich zu einem Machtgewinn dieser Strukturen führen würden. sie sind eben überholt.
    Deshalb sind die Piraten existentiell wichtig für unser Land, weil sich dort tendenziell jüngere Menschen um neue Antworten bemühen, die eben die ältere Generation nicht finden kann, egal ob sie die Mehrheit stellt oder nicht.
    Zukunft kann man nur durch die Ideen der Jungen gewinnen, auch wenn Ausnahmen immer wieder diese Regel bestätigen.
    Aber die alten Gehirne sind voll von zuviel Ballast des Gestrigen, sie sind deshalb weniger effizient gegenüber der Zukunft, weil sie das neue nur über den Umweg des Alten sich erschließen können. während junge Leute ihre Synapsen direkt neu verdrahten.
    Das diese Revolution gesellschaftlich Stress verursacht, ist unschön, aber unvermeidlich, wenn wir die Zukunft nicht verspielen wollen. in sofern habe ich Verständnis für die konservativen Positionen, aber zukunftsweisende Lösungen wird es durch den Schutz alter Strukturen nicht geben.
    Das ist eben der fluch aber auch der Segen des Marktes.

    H.

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