Gastkommentar
Solarbranche muss sich dem Markt stellen

Billigkonkurrenz, Preisdruck, fehlende Wettbewerbsfähigkeit: Was heute in der Solarindustrie geschieht, hat die Textilbranche längst hinter sich, schreibt deren Verbandschef. Staatsprotektionismus hilft nicht.
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Deutschland in den 60er-Jahren: Die Textil- und Bekleidungsindustrie made in West Germany bietet einer Million Menschen Beschäftigung. Aber dann beginnt die Globalisierung der Branche. China wird im Laufe weniger Jahrzehnte zum größten Textilproduzenten. In Deutschland schließen Tausende Betriebe. Hunderttausende verlieren ihre Arbeit.

Was vor 40 Jahren in der deutschen Textilindustrie geschah, das erleben wir heute in der Solarbranche. China schafft es, Solarzellen in guter Qualität deutlich günstiger anzubieten als deutsche Hersteller. Aber wir fragen uns nicht, wie wir besser werden können. Sondern führende Produzenten, allen voran Frank Asbeck, der Chef von Solarworld, fordern Strafzölle. In den USA wurde sein Ruf bereits erhört. Brüssel soll noch vor der Sommerpause nachziehen.

Rückblickend frage ich mich: Haben wir damals etwas grundlegend falsch gemacht? Hätten wir in den 60er-Jahren in der westdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie mit politischen Mitteln den Strukturwandel verhindern müssen? Haben wir die Herausforderung verschlafen? Die Antwort ist ein klares Nein. Gegen die Kräfte des Marktes konnten und wollten wir nicht gewinnen. Und ich sage voraus: Auch die Solarindustrie wird den Kampf verlieren - obwohl der Markt durch milliardenschwere Subventionen erst geschaffen wurde und am Leben erhalten wird. Deutschland leistet sich das seit 20 Jahren. Dennoch ist die erhoffte Wettbewerbsfähigkeit immer noch nicht absehbar, wie das Ringen um die Förderung zeigt.

Die Solarzellen aus Deutschland sind nicht besser als solche aus China. Und bei gleicher Qualität kauft der Häuslebauer das günstigere Produkt. So macht der Verbraucher es bei Kleidung schon seit Jahrzehnten. Protektionistische Maßnahmen können diese Entwicklung allenfalls verzögern. Und solange sie in Kraft sind, schaden sie allen Unternehmen, die ungehindert auf der ganzen Welt verkaufen wollen, denn Protektionismus provoziert Gegenmaßnahmen.

Unsere Industrie hat übrigens zu keinem Zeitpunkt Subventionen eingefordert und erhalten. Heute zählt die deutsche Textil- und Modeindustrie 120.000 Beschäftige, weltweit beschäftigen unsere Unternehmen rund 400.000 Menschen. Der Strukturwandel liegt hinter uns. Wir verkaufen technisch anspruchsvolle Produkte in die ganze Welt - auch nach China. Viele Nachbarstaaten beneiden uns um unsere nicht mehr so große, aber bestens aufgestellte Industrie.

Auch die Solarindustrie kann gegen chinesische Anbieter bestehen. Wenn Herr Asbeck und seine Kollegen mit ihren Produkten die Verbraucher überzeugen. Mit Forschung und Entwicklung zum Beispiel. Gleichzeitig muss der Gesetzgeber für gute Standortbedingungen sorgen. Ein wichtiges Element dafür ist eine günstige, wettbewerbsfähige Stromversorgung. Dafür sollten sich alle Unternehmen einsetzen, wenn sie ihre Produkte dauerhaft in Deutschland herstellen wollen. Es ist nicht nachhaltig, wenn die Solarindustrie mit Hilfe des Staates über Wasser gehalten wird - und dafür andere Branchen die Zeche bezahlen sollen.

Der Autor ist erreichbar unter: gastautor@handelsblatt.com

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  • Genau richtig! Warum schlagen wir die Chinesen nicht mit ihren eigenen Waffen? Die EU sollte auch nichts dagegen haben, wenn zwischen europäischem Binnenmarkt und Outsidern differenziert wird. Die Konzentration der Politik auf die Einspeisevergütung ist doch viel zu kurz gedacht. Hier geht es um Industriepolitik. Kritiker, die sagen, PV-Module günstig im Ausland einzukaufen, wäre rational, springen zu kurz. Im Ausland können wir beinahe ALLES günstiger einkaufen. Leider verdiente dann hier in Deutschland auch keiner mehr Geld, weil die meisten arbeitslos würden. Die Chinesen greifen sich eine Branche nach der anderen heraus und rollen sie auf. Fairerweise muss man sagen, dass das nicht nur die Chinesen machen, nur sie machen es am systematischsten. Die Systematik - das ist eigentlich eine deutsche Stärke...

  • So verfährt seit langem Kanada,um heimische Produkte am Markt zu halte.Dies sit in D leider nicht möglich.Diese "Local Conten"Regelung hat Brüssel verboten!

  • Es wird in Deutschland zu viel diskutiert ohne über Lösungen nachzudenken. deutsch Autos können nicht ohne Strafzölle in china importiert werden und selbst eine Produktion in china ist nur bei einer 50% Beteiligung eines chinesischen Staatskonzerns möglich. Also sollte es Deutschland wie Italien machen: Einspeisevergütung für Solarmodule aus nicht europäischer Fertigung wird verringert, die Einspeisevergütung für Module aus europäischer Herstellung beibehalten. Noch besser wäre es in meinen Augen die Einspeisevergütung ausschließlich für Solarmodule aus europäischer Fertigung zu gewähren. So einfach ließen sich Probleme lösen.

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