Gastkommentar

„Taktischer Leichtsinn und ökonomischer Unverstand“

„Wachstum“ statt sparen; soziale Wohltaten statt Reformen - Klaus von Dohnanyi kritisiert den Kurs der Linken in Paris als Selbsttäuschung. Ohne den Fiskalpakt gebe es keine europäische Zukunft.
  • Klaus von Dohnanyi
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Ohne den Fiskalpakt ist die europäische Zukunft in Gefahr. Quelle: dpa

Ohne den Fiskalpakt ist die europäische Zukunft in Gefahr.

(Foto: dpa)

In Europa wird die ökonomische Vernunft zur Disposition gestellt. Noch vor wenigen Wochen wurde in Brüssel der Fiskalpakt feierlich mit überwältigender Mehrheit unterzeichnet. Die EU legte zwei Gleise zur Stabilisierung der Wirtschaftskrise: Haushaltskonsolidierung und strukturpolitische Reformen. Beide tun weh. Nun erinnern sich die erschrockenen Parteien, wie schön sie doch war, diese Zeit des lockeren Geldes. Also „Wachstum“ statt sparen; soziale Wohltaten statt Reformen.

Der Aufstand gegen das angeblich „deutsche Diktat“ des Fiskalpakts hatte seine Wurzel in südlichen Peripherien Europas. Diese haben in der Tat schwere Zeiten zu bestehen. Aber man büßt dort nicht für die Sünden anderer, sondern für die eigenen!

Die Selbsttäuschung begann mit der lächerlichen Behauptung, Wirtschafts- und Finanzkrise hätten die Staatsverschuldung verursacht. Zu den Fakten: In Griechenland stieg die Staatsverschuldungsquote von 72 Prozent im Jahr 1990 auf 113 Prozent in 2008 (also vor der Krise); in Portugal im gleichen Zeitraum von 53 Prozent auf 72 Prozent; in Frankreich von 35 Prozent auf 68 Prozent. Geht man weiter zurück, verläuft der Trend noch dramatischer.

Die Ursachen ständig steigender Verschuldung reichen tiefer. Die Party hätte auch ohne die Krise bald ein hartes Ende gefunden. Denn es waren zwar die Banken, die das Geld geliehen haben - aber es waren eben die Staaten, die um das Geld baten. So ist es auch heute: ohne Schulden keine Gläubiger! Kein Risikomanagement der öffentlichen Haushalte hat den Trend in den Krisenländern stoppen können - oder wollen.

Die Argumente der Parteien kenne ich aus eigener Erfahrung gut genug: „Wir dürfen uns nicht kaputtsparen!“ Oder: „Doch nicht jetzt, das schadet der Konjunktur.“ Feigheit vor der Wirklichkeit, das ist alles.

Was kann es also heute heißen, dem Fiskalpakt müsse ein „Wachstumsfaktor“ hinzugefügt werden? Es gibt diesen Faktor doch längst. Er heißt: Reformen des Arbeitsmarkts, Reformen der Unternehmensbesteuerung; Reformen der öffentlichen Verwaltung - und Reformen des Sozialsystems. Und es gibt auch genug Beispiele für Erfolge auf diesem Weg.

Ungerechter Unsinn
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27 Kommentare zu "Gastkommentar: „Taktischer Leichtsinn und ökonomischer Unverstand“"

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  • sie verdrehen wohl etwas die Tatsachen... die Südländer sind schon immer hinterher gehechelt, dies liegt an mehr als nur einer Stellschraube wie der Arbeitsmoral oder der Wettbewerbsfähigkeit.
    Nur konnten Sie für kurze Zeit sich durch den Euro in den "Club" der Handlungsfähigen schleichen und sich billiges Geld besorgen.
    Für was die Süd Peripherie die Geld genützt haben erschüttert mich zwar , es war aber abzusehen..

    Ihre Entrüstung finde ich drollig.

  • super geschrieben, danke für Ihre Anmerkung, ich sehe es 100% genauso.
    Es war der schlechte Einfluss von Schmidt, Kohl und diesen Pseudo Currywurst fressenden Playboy Schröder, die Deutschland völlig ohne Sinn und Verstand zerstört hatten. Gerade von meinen Jugendhelden Schmidt bin ich masslos enttäuscht, je mehr ich aus "alternativen Kanälen über Ihn erfahre.
    Sage nur Aufhebung des Bretton-Woods-Abkommen dank Ihm...

  • @Moebius

    "Richard Koo"

    vielleicht sollten wir dem Autor etwas auf die Sprünge helfen.

    Ein guter Einstieg wäre m.E. ein Interview mit Richard Koo vom 23.12.2009

    http://www.fuw.ch/de/download_archiv_pdf.html?objects.archiv_id=105279

    Ergänzend seien zwei fulminante Bücher des Vorzeige-Ökonomen empfohlen:

    Balance Sheet Recession
    http://www.amazon.de/Balance-Sheet-Recession-Uncharted-Implications/dp/0470821167

    The Holy Grail of Macroeconomics
    http://www.amazon.de/The-Holy-Grail-Macroeconomics-Recession/dp/0470823879

  • @Unverstand

    "Immer gut hinhören, wer da die Glocken bimmeln läßt"

    Schön, dass sich wenigstens ein aufmerksamer Leser von diesem populistischen Fallensteller nicht einlullen lässt.

    An der Stelle erscheint es mir zwingend geboten, auf die segensreichen Aktivitäten des Autors im "Konvent für Deutschland" hinzuweisen.

    So mancher Leser wird staunen, welche weiteren bürgernahen Vorzeigedemokraten in diesem hübschen Verein mitwirken.

    http://lobbypedia.de/index.php/KfD

    http://www.lobbycontrol.de/download/kurzstudie_konventfuerdeutschland.pdf

  • Ein schöner Kommentar vom neoliberalen Ultra Klaus von Dohnanyi, der nur so von geradezu grotesken Verdrehungen und Halbwahrheiten strotz. Aber nochmals zeigt wie entscheidend die Sparpolitik und der Fiskalpakt für die neoliberale Agenda sind. Und man bedenke dieser Mann ist immer noch SPD-Mitglied!
    http://www.nachdenkseiten.de

  • Ein schöner Kommentar vom neoliberalen Ultra Klaus von Dohnanyi, der nur so von geradezu grotesken Verdrehungen und Halbwahrheiten strotz. Aber nochmals zeigt wie entscheidend die Sparpolitik und der Fiskalpakt für die neoliberale Agenda sind. Und man bedenke dieser Mann ist immer noch SPD-Mitglied!

  • "südliche Peripherien Europas" nennt Klaus Dohnanyi die südlichen Miteuropäer und stempelt sie zu randständigen Ländern zweiter Klasse ab, denen für das Wohl der "Kern"europäer alles zugemutet werden darf... ich bin schockiert.


  • „Wachstum“ statt sparen; soziale Wohltaten statt Reformen – Klaus von Dohnanyi kritisiert den Kurs der Linken in Paris als Selbsttäuschung. Ohne den Fiskalpakt gebe es keine europäische Zukunft. Wessen Zukunft, die der Bürger der der 5 Prozent der Finanz Spekulanten?Welche Wohltaten? immer mehr prekäre Beschäftigung, Suppenküchen, Hunger, Millionen von Existenzen wurden und werden vernichtet? Alles im Intresse der 5 Prozent der Finanz Spekulation? So lange die Finanzmärkte nicht reguliert werden, können sich die Bürger zu "Tode" sparen, das Geld verpufft im Nirawana der Finanzmärkte und Steueroasen dieser Welt. Aber wie nicht anders zu erwarten, hat das Gros der deutschen Medien mit hysterischer Schnappatmung auf den Linksrutsch in Frankreich und Griechenland reagiert. Anstatt das Votum des Volkes zu akzeptieren und zu respektieren, verweist die deutsche Presselandschaft lieber mit gespielter Distanziertheit auf die vermeintliche Reaktion der Finanzmärkte und prophezeit der Eurozone eine „Vertrauenskrise“. Freilich ist dabei nicht das Vertrauen der Bürger, sondern das Vertrauen der Finanzspekulanten gemeint. Die Bürger vertrauen nämlich längst nicht mehr darauf, dass die Politik ihre Interessen vertritt. Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob Medien, die ganz offen die Interessen der Eliten und der Finanzlobby über die Interessen des Volkes stellen, überhaupt noch der freiheitlich demokratischen Grundordnung entsprechen

  • "'Du stinkst', sprach das Schwein zur Rose."
    So könnte man es zusammenfassen, wenn Klaus von Dohnanyi andere des ökonomischen Unverstands beschuldigt.
    Lieber Herr von Donhanyi, tun Sie was für Ihre ökonomische Bildung: Lesen Sie Paul Krugmans Kolumnen in der New York Times, machen Sie sich mit Richard Koos Konzept der Bilanzrezession vertraut, lesen Sie bei Hyman Minsky nach, warum Finanzmärkte instabil und ihr Urteil daher nicht vertrauenswürdig ist. Und blicken Sie darauf, wie Deutschland mit der Großen Krise ab 1929 umgegangen ist und wie die USA. Schauen Sie sich an, wie die USA nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Schulden abgetragen haben. Vielleicht begreifen Sie dann, dass wir einen neuen New Deal brauchen anstatt Brüning 2.0.
    Man kann es nicht oft genug wiederholen: Eine Volkswirtschaft ist KEIN schwäbischer Haushalt. Und BWL taugt auch nur zur Analyse von Unternehmen, nicht für die eines ganzen Landes.

  • Herr Dohnanyi, schon mal nach Griechenlang geschaut was die Sparpakete bis jetzt gebracht haben? Vor wie vielen Paketen hat Frau Merkel schon gesagt jetzt wird alles gut? Aber egal! Es ist gut, dass es solche beratungsresistenten Sturköpfe wie Sie gibt. Je eher wird auch der letzte BILD gesteuerte Bürger merken, was wirklich unser Problem ist: Leute wie Sie!

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