Gastkommentar
Apokalyptiker aller Länder vereinigt Euch! #nicht

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Twitter und die „zweite Pubertät“

Wer glaubt, Twitter diene dem Ausleben „der zweiten Pubertät“, wer glaubt, das Internet zerstöre unsere in der französischen Revolution erkämpften Werte und bringe den Untergang des Abendlandes mit sich, der hat das postpubertäre Affektdenken selbst nicht überwunden. Wer glaubt, unser demokratisches System gegen die Möglichkeiten des Internets verteidigen zu müssen, der hätte im letzten Jahr besser einmal den Auslandsteil der Tageszeitungen lesen sollen - gerne auch in der Printversion.

Wer glaubt, bei der Beantwortung der Frage, wie wir die digitale Spaltung in der Gesellschaft überwinden statt vergrößern können, von Schlacht und Verderben sprechen zu müssen, der sollte sich eventuell überlegen, ob er als Politiker den richtigen Beruf gewählt hat. Politik ist dazu da, den Menschen zu helfen - nicht sie zu verunsichern. Ganz sicher aber sind in der „Enquetekommission Internet und digitale Gesellschaft“ Mutmacher gefragt - keine Angstmacher.

Die „Internationale Artisten Loge“ und der „Deutsche Musiker-Verband“ haben einst eine Anzeige „An das Publikum!“ veröffentlicht, auf dem Parolen wie „Tonfilm ist Einseitigkeit“, „Tonfilm ist wirtschaftlicher und geistiger Mord“ und „Tonfilm verdirbt das Gehör“ zu lesen waren. Am Ende stand der Aufruf: „Lehnt den Tonfilm ab!“ Ich wage zu behaupten, dass der Apokalyptische Reiter aus dem Bundestag diese Forderung heute nicht mehr unterstützen würde.

Wer nur auf schnelle Nachrichten und Effekthascherei aus ist, der hat als Volksvertreter seinen Beruf verfehlt. Wir stehen nicht am Ende dieses neuen, wundervollen, Grenzen und Vorurteile überwindenden Mediums, sondern ganz am Anfang. Wir sind privilegiert Gestalter sein zu dürfen, Teil dieses weltumspannenden Netzwerkes und Pioniere im Entdecken von immer neuen Möglichkeiten und Herausforderungen. Manche totsagenden Texte zeigen, dass es noch länger dauern wird, diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu meistern, als ich gehofft hatte.

Noch einen kleinen Hinweis unter Kollegen: Passendere Bibel-Metaphern für gesellschaftspolitische Themen lassen sich relativ schnell recherchieren: In der Schlagwortsuche bei Bibel-Online.

Dorothee Bär ist stellvertretende CSU-Generalsekretärin und Vorsitzende des CSU-Netzrats und des CSUnet. Sie erreichen die Autorin über Twitter: @DoroBaer.

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  • Handeln ist in vielerlei Hinsicht nicht das größte Talent sämtlicher Menschen. So sind die Reformpläne der Riester Rente einmal wieder aufgeschoben worden.
    (Quelle: http://www.riester-rente.eu/)

  • ..und schaut Euch an, was unsere Politiker aus der CDU/CSU/FDP und SPD, doch für nette Menschen sind.

    Der ganze kommenden Überwachungsmüll, dient natürlich nur dem Wohle der EU-Bürger. Ganz sicher, das ist alternativlos!

    Empört Euch, liebe Mitbürger:"

    http://www.foebud.org/ und

    http://bündnis-bürgerwille.de/?id=166 sind nur zwei gute Beispiele, wie nah das orwellsche 1984 schon gediehen ist".

    Gute Nacht an die Bürgerrechte und das Grundgesetz!

    Erst fällt der Markt und dann die Demokratie, so steht es schon in alten Gedichten der 30er Jahre festgeschrieben.

  • Trotzdem es auch Stimmen in den bürgerlichen Parteien geben mag, die Gleichheit, Einigkeit und Brüderlichkeit im Internet befürworten: Die Unsicherheit ist zu gross und das Internet ist zu wichtig um es diesen Leuten zu überlassen. Helmut Kohl war 1994 noch der Ansicht das (Daten)autobahnen (ein Begriff für das damals rasant wachsende Internet) Ländersache sind. Ansgar Heveling ist nicht der einzige. Sabine Leutheuser-Schnarrenberger stellt sich heute hinter ACTA und scheint nicht zu wissen, wovon sie redet.

    Frau Bär mag eine lobenswerte Ausnahme sein, das ist aber nicht genug um die digitale Zukunft zu verteidigen. Ihr hattet die Macht, die Weichen zu stellen, habt nichts unternommen und habt euch so unglaubwürdig gemacht.

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