Gastkommentar
Überwindet euch und investiert statt zu horten

Bei vielen Unternehmern und Privatanlegern fehlt nach wie vor das Vertrauen. Deswegen wird das Geld gehortet, statt investiert. Nicht nur bringt das negative Realzinsen - es fehlt auch an Wachstum und an Altersvorsorge.
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Nahezu jeder Unternehmenschef, den ich zurzeit treffe, sagt mir dasselbe: Die Geschäfte laufen besser als erwartet, aber ich habe nach wie vor ein schlechtes Gefühl. Dieses fehlende Vertrauen führt dazu, dass Firmen trotz steigender Gewinne ihre Cash-Reserven weiter erhöhen. Gleichzeitig sind die Privatanleger verunsichert und frustriert. Angesichts stagnierender Einkommen und niedriger Zinsen wissen sie nicht, wie sie genug für ihre Zukunft sparen sollen.

Billionen von Euro werden einfach nicht investiert. So sitzen die Unternehmen des Stoxx Europe 600 auf Barreserven von 561 Milliarden Euro. Das sind 10,5 Prozent ihrer Marktkapitalisierung. Überall auf der Welt wird Cash gehortet, obwohl es in vielen Ländern negative Realzinsen bringt. So können Sparer mit Sicherheit kein finanzielles Polster für ihr Alter aufbauen. Selbst im schnell wachsenden China steckt zu viel Geld in kurzfristigen Anlagen.

Obwohl sich Wirtschaft und Märkte erholen, bleibt das bohrende Gefühl, dass etwas falsch läuft. Es sind keine vorübergehenden Trends, die diese Vertrauenskrise auslösen. Wir leben in einer neuen Welt. Das große Altern belastet unser globales System. Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass sich die Zahl der über 60-Jährigen bis 2050 auf zwei Milliarden Menschen verdreifachen wird. In Deutschland sollen bis dahin laut Statistischem Bundesamt auf 100 Personen im Erwerbsalter bis zu 64 Personen über 65 Jahre entfallen. Das setzt Sozialversicherungssysteme und Krankenkassen unter Druck.

Zugleich zwingt die Finanzkrise die Staaten, den Finanzsektor und Anleger, ihre Schulden und Risiken zu reduzieren. Das belastet in den USA und Europa den Konsum und den Immobilienmarkt, drückt auf die Nachfrage und wird Investitionen und ihre Erträge in den kommenden Jahren stark verändern. Gleichzeitig entwickeln sich die Schwellenländer zu neuen Wachstumstreibern. Arbeitsplätze und wirtschaftliche Chancen verlagern sich dorthin. Wer sich einer globalisierten Weltwirtschaft nicht anpassen kann, fällt zurück. Die Folge sind größere Einkommensunterschiede und soziale Unruhen. Langfristig wird der globale Wandel die Welt stabiler machen. Aber zurzeit führt er weltweit zu Verunsicherung. Wir befinden uns somit in einem richtigen Sturm. Alternde Bevölkerungen und Volkswirtschaften, die ihre Schulden abbauen müssen, führen zu langsamem Wachstum und niedrigen Renditen – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem die Anleger dringend auf wirtschaftliche Perspektiven und Erträge angewiesen sind.

Und inmitten dieses Sturms höre ich von Privatanlegern, Unternehmen und Pensionsfonds dieselbe Frage: Was soll ich mit meinem Geld tun? Die Antwort ist immer dieselbe: Wir müssen das Geld wieder zum Arbeiten bringen, um das Wachstum in Gang zu setzen und die Altersvorsorge zu finanzieren. Vereinfacht ausgedrückt: Wir müssen aus den Kurzfristsparern Langfristinvestoren machen.

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Privatanleger müssen wissen, was sie kaufen

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  • Die Abgeltungssteuer ist doch schon ein Geschenk an die Kapitalanleger. Schauen Sie mal, wie hoch in USA Renditen besteuert werden. Früher unterlagen Kapitalgewinne der normalen Einkommensteuer. Deshalb weg mit der Abgeltungssteuer, hin zu einer leistungsgerechten Steuer.

  • ...aber nicht durch Anlage am Kapitalmarkt, sondern durch Beitragserhöhung und verbreiterter Bemessungsgrundlage der GRV.

  • Man investiert nur, wenn entsprechende Mittel beim Nachfrager vorhanden sind. Allein die Tatsache, dass 10% in Deutschland und anderswo 60-80% des Reichtums besitzen, schafft noch keine ausreichende Nachfrage. Also warum sollten Unternehmen oder Private investieren, bei einem derartigen Missverhältnis. Und das Geld an die Börse tragen ist keine Investition, die nachhaltig die Wirtschaftsleistung befördert, sondern Spekulationsblasen erzeugt, die irgendwann platzen und dem Steuerzahler vor die Füsse geworfen werden, damit er die Spekulanten rettet. Nachhaltige Nachfrage in der Breite kommt nur durch höhere Löhne, Renten und Sozialleistungen. Dass wir das in den letzten 30 Jahren sträflich vernachlässigt haben, ist kein Grund, diesen neoliberalen Unsinn fortzuführen.

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