Gastkommentar von Mai 2012
Norbert Walter: Die Konjunkturzeichen stehen auf Sturm

Vor uns liegt die Rezession: International sieht es düster aus, Griechenland wird die europäische Solidarität sprengen und die deutsche Binnennachfrage, die nun anzieht, reicht einfach nicht aus.
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Oh je! Hoffentlich ist das Bayern-Debakel im Champions-League-Finale kein Menetekel für die Fußball-EM und den Sommer insgesamt. Vor allem die Wirtschaft braucht keine weiteren Tiefschläge. Aber die Weichen für den Abschwung sind bereits gestellt.

Da sind (vordergründig) vor allem die Euro-Krise und die bevorstehende politische Eruption in Griechenland.

Der linke Vulkanausbruch dort droht die Restbestände europäischer und internationaler Solidarität zu vernichten. Auf den ersten Blick scheint dies alle Seiten glücklich zu machen: Die Griechen sparen nicht, die Gönner zahlen nicht. Jeder darf wieder mit seiner Währung spielen. Aber es ist das Spielen von Kindern mit dem Feuer. Und die Erwachsenen scheinen von der Bildfläche verschwunden zu sein.

Die neuen Probleme nach der Aufgabe des europäischen Kompromisses werden größer. Die neue Welt - viele nationale Währungen - wird nicht von Stabilität und Wachstum begleitet werden. Eine tiefe Rezession, wenn nicht eine Depression, Inflation in Europas Süden und Bankensterben werden Realität. Politisch wird das Gegeneinander in Europa zur bitteren Wirklichkeit. Und die Welt wird nur für einen Wimpernschlag Schadenfreude empfinden.

Denn die Zeichen stehen für viele andere Teile der Welt wegen noch größerer Schuldenprobleme mindestens ebenso auf Sturm wie für Europa. Japan ist weit dramatischer verschuldet als Griechenland. Amerika ist mit seiner Staatsverschuldung an Italien vorbeigezogen. Nach der US-Präsidentenwahl im November wird die Politik ständig erhöhter monetärer und fiskalischer Drogenabgabe abrupt an ihr Ende kommen. Das ist der entscheidende Punkt für die Weltwirtschaft: Sie wird in die Rezession kippen. Und die heute noch prosperierenden Rohstoffländer sind dann mitten in einer tiefen Krise.

Bei solchen Vorgaben wird es der deutschen Wirtschaft wenig helfen, dass wir im Sommer 2012 die Löhne kräftig erhöht haben und unser Finanzminister bis zum Sommer gute Steuereinnahmen erzielte. Die Binnennachfrage wird uns nicht retten, weil die Bürger die Schwere der Krise erahnen und als Konsequenz jene Ausgaben, die man verschieben kann, tatsächlich auf später verschieben. Dann landet alles, was zyklisch schwingt, etwa die Automobilindustrie, tief im Keller. Ich kann mir gut vorstellen, dass selbst des Deutschen liebstes Kind - der Urlaub - eingeschränkt wird. Wie soll da Hoffnung aufkommen? Wenigstens Freundschaftsspiele gegen Holland gewinnt der FC Bayern nun ja wieder!

Kommentare zu " Gastkommentar von Mai 2012: Norbert Walter: Die Konjunkturzeichen stehen auf Sturm"

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  • @ Aristoteles:
    sehe ich auch so. Aber wahrscheinlich war der Mann einfach nur kompetent & sah frühzeitig das Offensichtliche...

    @alle:
    aber ich habe hier noch 2 Schenkelklopfer:

    - "Die Rettungsschirme laufen aus - das haben wir klar vereinbart“ sagte Wolfgang Schäuble im FAZ-Interview am 24.07.10

    - Schäuble sagte im Dezember 2009 in der Börsenzeitung auch: "Es wäre falsch verstandene Solidarität, wenn wir den Griechen mit Finanzhilfen unter die Arme greifen würden." (hier nachzulesen: http://www.wolfgang-schaeuble.de/index.php?id=37&textid=1360&page=1)

  • Wenn man das heute nach seinem Ableben noch mal liest, wird einem Angst und bange. Hatte Walter vielleicht eine (böse) Vorahnung ?

  • "Notwendig ist eine Kultur des Initiierens, des Investierens, des Gebens, des Säens. Wir brauchen Vorbilder, die ihre Patente zum Wohle aller aus den Schubladen holen, Business Angels, die Künstler oder Microkredite finanzieren, etc. etc. Die Alternative heißt "Rien ne vas plus"!

    Für den seelenlosen Finanztechnokraten ist das nicht möglich. Während andere ihre Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände selbst anbauen, verarbeiten und herstellen und zur Not tauschen könnten, wird dieser unter der Brücke erfrieren.
    Als Wanderprediger "guter Finanz- und Wirtschaftstheorien, ja, dafür mußte sich sogar Marx Geld leihen.

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