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Gastkommentar: Wenn Wissenschaftler Politiker beraten

Politische Entscheidungen sind oft Urteile, bei denen es kein „richtig“ oder „falsch“ gibt. Wissenschaftler können deshalb nie die besseren Politiker sein, aber Politiker können von ihrem Wissen profitieren.

Bert Rürup war Chef des Sachverständigenrates bei der Bundesregierung und ist Mitgründer der Beratungsgesellschaft für Alters- und Gesundheitsvorsorge. Quelle: AP
Bert Rürup war Chef des Sachverständigenrates bei der Bundesregierung und ist Mitgründer der Beratungsgesellschaft für Alters- und Gesundheitsvorsorge. Quelle: AP

Politik in einem demokratischen Staat zielt darauf ab, im Interesse der Erhaltung oder der Erlangung der Regierungsmacht Missstände oder Fehlentwicklungen zu beseitigen oder - im Idealfall - zu verhindern. Wissenschaft demgegenüber besteht in der systematischen Suche nach logisch stimmigen und - für den Bereich der Natur- und Gesellschaftswissenschaften - empirisch belastbaren Aussagen.

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Die "Wissenschaftlichkeit" zum Beispiel einer ökonomischen Aussage hängt deshalb nicht davon ab, ob sie vom Chefvolkswirt einer Gewerkschaft, einer Bank oder einem "unabhängigen" Universitätsprofessor stammt. Auf politische Entscheidungen können Wissenschaftler über zwei Kanäle Einfluss nehmen - durch Begutachtung oder durch Beratung.

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Begutachtung bedeutet die von Vorgaben freie Analyse eines Problems - sei es die Beurteilung der wirtschaftlichen Konvergenz in Ost- und Westdeutschland oder die der Entwicklung an den Kapitalmärkten. Wenn sich die Wirtschaftsweisen, der wissenschaftliche Beirat beim Finanzministerium, Hans-Werner Sinn, Thomas Mayer, Gustav Horn, Bert Rürup oder wer auch immer in Gutachten, Büchern, Aufsätzen oder Interviews an die Öffentlichkeit wenden und erklären, wie etwa die Krise des Euro-Systems zu bewältigen oder der Staatshaushalt zu sanieren ist, fühlen sie sich alle dem öffentlichen Interesse verpflichtet.

Nur, keiner dieser Ökonomen weiß, was das "Allgemeinwohl" ist oder was die deutsche Bevölkerung wirklich will. Sie urteilen nach bestem Wissen und Gewissen und empfehlen das, von dem sie überzeugt sind, dass dies das Richtige und daher gut für das Volk sei. Ist der so erzeugte mediale Druck hoch genug, können auf diese Weise politische Entscheidungen beeinflusst werden.

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Wissenschaftliche Politikberatung ist aber etwas anderes. Beratung muss immer einen konkreten Adressaten haben: die Regierung, eine Oppositionspartei oder einen Verband. Das Ziel sind Handlungsempfehlungen - inhaltlicher oder kommunikativer Natur -, und zwar unter Beachtung der Zielvorstellungen und der Entscheidungsrestriktionen des jeweiligen Adressaten. Letztendlich muss ein Berater die Ziele des Beratenden akzeptieren und damit auch dessen Erfolg wollen. Da es nicht die eine, für alle Euro-Länder gleichermaßen richtige oder beste Lösung für die aktuellen Schwierigkeiten gibt, liegt es auf der Hand, dass die wissenschaftlichen Berater von Frau Merkel zu anderen Empfehlungen kommen als die Berater der Herren Papademos oder Sarkozy. Im Gegensatz zur "objektiven" Begutachtung wird die "interessengeleitete" Beratung bei uns nicht selten als unvereinbar mit dem - vermeintlich - werturteilsfreien wissenschaftlichen Arbeiten angesehen.

Anders im angelsächsischen Raum oder auch in Frankreich - dort genießt diese wissenschaftliche Politikberatung sehr viel höheres Ansehen und hat eine neiderweckend gestaltende Tradition. Hier ist man dem bei uns verbreiteten Missverständnis von Werturteilsfreiheit und Unabhängigkeit der Wissenschaft nicht aufgesessen, und es wird klarer als bei uns zwischen Begutachtung im Interesse einer möglichst unabhängigen und sachgerechten Information der Öffentlichkeit und politischer Beratung im Sinne einer Dienstleistung für die Regierung oder die Opposition unterschieden. Die "Wissenschaftlichkeit" beider Funktionen wird nicht infrage gestellt, und es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Wissenschaftler in ihrer Karriere die Rollen des unabhängigen Begutachters und des gebundenen Beraters wechseln.

Politische Entscheidungen sind oft Werturteile, bei denen es kein "richtig" oder "falsch" gibt. Wissenschaftler können deshalb nie die besseren Politiker sein, aber die Politiker können ihren Auftrag besser erfüllen, wenn sie von Wissenschaftlern beraten werden.

Der Autor war Chef des Sachverständigenrates bei der Bundesregierung und ist Mitgründer der Beratungsgesellschaft für Alters- und Gesundheitsvorsorge.

gastautor@handelsblatt.com

  • 07.02.2012, 13:35 UhrAnonymer Benutzer: jonimuc

    Der "Wissenschaftler" Rürup entlarvt sich mit diesem Artikel als das, was er in Wirklichkeit ist, ein hemmungsloser Lobbyist.

    Seine eigene Sprache verrät ihn ungewollt.

  • 07.02.2012, 08:28 UhrAnonymer Benutzer: Michael

    Wer den Herrn Professor Rürup in seiner Zeit an der TU Darmstadt erlebt hat, weiss, dass dieser Mann zwar wunderbar reden kann, Eloquenz pur.
    Zudem ist er ein Meister des Formellen.
    Aber die Inhalte? Das Querdenken? Das Hinterfragen?
    Hinter der glänzenden Fassade steht aber wissenschaftlich bestenfalls das Niveau eines Kickers aus der vierten Liga.
    Frage mich, wer sich ernsthaft von so jemand beraten lässt.
    Klar, wahrscheinlich auch diejenigen, die Maschmeyers Policen unterzeichnen....

  • 04.02.2012, 17:12 UhrAnonymer Benutzer: Dr.NorbertLeineweber

    Dr.NorbertLeineweber: Herr Professor, hören Sie auf zu kommentieren. Ihre Aussagen sind schlichtweg allesamt falsifizierbar. Und das ist wahrlich kein Werturteil, wie wir sehen werden.
    1)Prinzipiell dreht sich alles um ideologische Regierungsmacht. Die Beseitigung von Missständen ist absolut untergeordnet. Im besten Fall wird noch gelöscht, bevor die Hütte ganz abgebrannt ist.
    2) Die ideologische Verzahnung klammmern Sie schon aus, wenn sie Gewerkschaften und Spitzenprofessoren die gleiche "Wissenschaftlichkeit" zubilligen. Das ist ein Affront gegen die Kollegen, die sich redlich mühen, um ideologische Einflüsse zu kanalisieren.
    3) Wenn ein Berater die Ziele des Beratenen akzeptieren soll, ist er nichts anderes als ein einmgeschleimter Lobbyist. Dass Sie das für sich gerne so sehen wollen, ist akzeptabel.
    4) Und die meisten politischen Entscheidungen basieren auf Werturteilen, bei denen es sehr wohl ein richtig oder falsch gibt. Sie haben ja nicht einmal marktinkonforme Eingriffe im Blickfeld, wenn Sie das generell in Frage stellen. Damit haben Sie gegenüber Studenten im ersten Semester bereits das Nachsehen.
    Fazit: Eine ganze Litanei an Beispielen zur Verifizierung meiner Thesen kann ich mir sparen, weil jedem Leser gleich Unmengen davon einfallen werden.

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