Gastkommentar: Wie aus einer Kreditklemme eine Inflationspolitik wird

Gastkommentar
Wie aus einer Kreditklemme eine Inflationspolitik wird

Eine Kreditklemme wäre für den Euroraum besonders gefährlich: Erst kommt die Rezession - und dann könnten Unternehmen, Konsumenten und Staaten in einer Pleitewelle versinken, warnt der Chefökonom von Barclays Capital.
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Angesichts der sich ausweitenden Schulden- und Bankenkrise wachsen die Sorgen vor einer „Kreditklemme“ für Unternehmen und Konsumenten im Euroraum. Dass es zu einer solchen Entwicklung kommt, und dass dies die Konjunkturen stärker beeinträchtigen kann, als das bislang prognostiziert wird, ist nicht auszuschließen. Eine Krediteinschränkung wäre nicht nur eine ökonomisch notwendige, wenn auch schmerzhafte Korrektur der vorangegangenen Kredit-Boom-Exzesse, die die Zentralbanken mit ihrer Niedrigzinspolitik verursacht haben, sie könnte auch der Beschleuniger sein, dass die Europäische Zentralbank (EZB) über kurz oder lang auf eine Politik der hohen Inflation einschwenkt.

Gerade im Euroraum birgt eine Kreditklemme besondere Gefahren aufgrund der Übergröße seines Bankenapparates. Die Euroraum-Banken haben mittlerweile eine im wahrsten Sinne des Wortes kollosale Bilanzsumme von gut 34 Billionen Euro erreicht – dies entspricht etwa 356 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; Anfang 1999 waren es noch 231 Prozent. Zum Vergleich: Der Bankensektor in den Vereinigten Staaten von Amerika weist eine Bilanzsumme von nur etwa 12,5 Billionen US-Dollar oder 82 Prozent der Wirtschaftsleistung auf. Die wirtschaftlichen Konsequenzen, die aus einer Kreditklemme resultieren können, würden im Euroraum also deutlich größer ausfallen als in den Vereinigten Staaten. 

Eine „Kreditklemme“ kann zum einen in Form eines „Credit Crunch“ auftreten. Hier schrumpft das Kreditangebot relativ zur Kreditnachfrage, so dass die Zinsen stark ansteigen. Zum anderen kann eine Kreditklemme auch in Form einer „Kreditrationierung“ in Erscheinung treten. In einem solchen Fall sind Kreditgeber aus Risikoerwägungen nicht mehr bereit, neue Kredite zu vergeben, selbst wenn Kreditnehmer bereit sind, höhere Zinsen zu zahlen. Die Kreditnachfrage wird dann schlichtweg nicht mehr voll bedient, der Marktzins bleibt dabei relativ niedrig. Beide Formen der Kreditklemme erscheinen derzeit möglich.

Im Euroraum insgesamt zeichnet sich eine angebotseitige Verknappung der Bankkredite ab. Dies legt insbesondere die „Eigenkapitalrestriktion“ der Banken nahe. Bekanntlich müssen sie ihre Risikoaktiva (wie z. B. Kredite und Wertpapiere) teilweise mit Eigenkapital unterlegen. Dies führt zu einer enormen „Hebelwirkung“ zwischen dem vorhandenem Eigenkapital und dem damit darstellbaren Kreditangebot. Bei einer plötzlichen Eigenkapitalverknappung müssen Banken daher ein Vielfaches ihrer Risikoaktiva, einschließlich der Bankkredite, reduzieren.

Vor allem zwei Faktoren haben das Eigenkapital der Banken verknappt. Erstens: Verluste (in Form von z. B. Abschreibungen) schmälern die verfügbaren Eigenmittel. Zweitens: Das in Aussicht gestellte Verschärfen der regulatorischen Vorschriften („Basel III“) führt dazu, dass die Risikoaktiva der Banken künftig mit mehr Eigenkapital unterlegt werden muss. Aber auch ohne Regularien werden die Kreditgeber ein höheres Verlustpuffer für die Geldhäuser einfordern. Gleichzeitig ist es jedoch für viele Banken derzeit nicht möglich oder betriebswirtschaftlich attraktiv, sich neues Eigenkapital zu beschaffen. Sie bevorzugen, ihre Risikoaktiva im Zuge eines „De-Leveraging“ und „De-Risking“ an das bestehende Eigenkapital anzupassen.

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  • Der Artikel eröffnet einen Durchblick auf den wirklichen Ernst der Lage und erklärt die scheinbare Kopflosigkeit der Politik, der Fed (Bernankes scheinbar absurde Zinsgarantien) und der EZB (Billionen für die Banken statt für die Realwirtschaft).
    Wie Japan und in letzter Zeit auch die USA aber zeigen, ist das Bekämpfen der Deflation extrem schwierig wegen totaler Markttransparenz und Nachfrageschwäche in den entwickelten Industriestaaten.
    In einem nebenstehenden Artikel las ich über die Rabattschlacht auf dem Biermarkt. Ein 20 x 0,5 l Kasten für unter 10 Euro, das sind Preise wie vor 30 Jahren. Höhere Preise werden von der verwöhnten Kundschaft aber nicht mehr akzeptiert.
    In den USA stehen die Garagen der Mittelschicht voll mit Plunder, den sie in ihrem Scheinreichtum während der Immobilienblase angeschafft haben. Sie sind darüber hinaus hoch verschuldet. Was sollen oder werden diese Leute kaufen angesichts rasant steigender Preise für Bildung und Gesundheit, die einzigen wirklichen Inflationsfelder?
    Glauben Sie wirklich, dass Herr Schäuble jedem Einwohner monatlich Gutscheine für ein paar Tausend Euro zukommen läßt, um Deflation zu bekämpfen? Was ist mit den Rentnern, deren Ersparnisse zerstört werden und die 2013 wieder wählen?
    In Japan sind selbst negative Zinsen seit zwanzig Jahren gescheitert, dabei hat Japan im Gegensatz zu weiten Teilen Europas eine gut ausgebildete, homogene Bevölkerung, technologische Kompetenz und eine exzellente Infrastruktur.
    In weiten Teilen Europas fehlt jede Grundlage für eine wirtschaftliche Gesundung und Nachfragebelebung, und neue Immobilienblasen sind nicht zu gewärtigen.
    Ansonsten ein interessanter und aufschlussreicher Artikel.

  • Beispiel Japan
    In Japan gab es eine dramatische Immobilienblase einhergehend mit einer erhebliche Verschuldung der Banken und Unternehmen. Um die Wirtschaft zu stützen, wurden insolvente Banken nicht etwa saniert,sondern staatliche Ausgabenprogramme gefahren und der Zins bei nahe Null gehalten. Heute ist der Staat restlos pleite und der Wirtschaft geht es immer noch schlecht.
    Immerhin scheint Europa die extreme Verschuldung der Staaten gerade noch zu vermeiden. In der Frage der "Sanierung" der Wirtschaft, macht man es den Japanern aber gleich, niedrige Zinsen, billiges Geld. Es wird ein böses Erwachen geben. Vielleicht schreckt Japan aber den einen oder anderen doch noch auf.

  • Herr Polleit, ich glaube, Sie sind verrückt.

    Lesen Sie mal hier nach:
    http://kantooseconomics.com/2012/01/25/assetblasen-boom-bust-zyklen-und-patrick-bernaus-geldschwemme-wonkish/

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