Jutta Urpilainen
Europa muss von den USA lernen

Die finnische Finanzministerin fordert von den Europäern mehr Flexibilität - vor allem im Denken. Alleingänge würden das Problem der Schuldenkrise nicht lösen. Im Zweifel lohne ein Blick in die USA.
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Die Politiker der Euro-Zone müssen nicht nur die Euro-Krise bekämpfen, sondern auch eine Vision für die gemeinsame Währung entwickeln. Und dabei sollten die kurz- und die langfristige Perspektive zueinander passen.

Historische Vergleiche sind gefährlich. Aber von der amerikanischen Währungsunion kann man doch einiges lernen. Sie startete sehr turbulent mit Staatspleiten und -rettungen. Das endete erst 1840, als der Kongress die No-Bail-out-Politik beschloss, nach der keine Rettung mehr erlaubt war. Alle Bundesstaaten haben sich für rund 170 Jahre an dieses Prinzip gehalten.

Häufig wird betont, der Arbeitsmarkt der Euro-Zone sei nicht so mobil wie der in den USA. Richtig ist: Rund 1,5 Prozent der Amerikaner ziehen pro Jahr von einem Bundesstaat in einen anderen um. Aber wenn man die Zahlen der Umzüge in gegenläufiger Richtung saldiert, dann bleibt nur noch etwa ein Zehntel übrig. Diese doch überschaubare Mobilität kann zum Ausgleich der Ungleichgewichte zwischen den Bundesstaaten nicht viel beitragen. Daher wäre es falsch zu glauben, die Währungsunion in Europa sei wegen der geringeren Umzugsbereitschaft der Arbeitnehmer zum Scheitern verurteilt. Oft wird auch betont, die Euro-Zone habe keinen großen zentralen Haushalt, der die Konjunkturen der einzelnen Staaten glätten könne. Das stimmt zwar, aber die Euro-Staaten haben Haushalte mit großen automatischen Stabilisatoren, die ganz ähnlich ausgleichend wirken.

Das Problem der Euro-Zone ist zurzeit, dass einige Staaten zu hohe Schulden haben und zusätzlich die Wirtschaft in der Rezession steckt. Um gegenzusteuern, müssen die Regierungen dringend glaubhafte Strategien vorlegen, wie sie mit dem Schuldenproblem umgehen wollen. Sonst gibt es kaum einen Spielraum für kurzfristige Konjunkturimpulse. In Zukunft muss der Aufbau hoher öffentlicher und privater Schulden vermieden werden.

Die Euro-Staaten haben im Unterschied zu den US-Bundesstaaten hohe Schuldenstände. Sehr viel davon stammt aus der Zeit, als sie noch ihre eigene Währung hatten. Nun müssen sie damit klarkommen. Zum Glück haben sie aber auch große Vermögen, die genutzt werden können, um die Verschuldung abzubauen.

Die wichtigste Lehre der amerikanischen Währungsunion ist eine politische. Ein wesentlicher Grund für den Zusammenhalt dort ist die Tatsache, dass es keine Gläubiger- und Schuldnerstaaten gibt. Die USA haben so den Streit vermieden, bei dem die Gläubiger den Schuldnern vorwerfen, über ihre Verhältnisse zu leben, und diese sich umgekehrt über zu harte Auflagen beschweren.

Ich sage nicht, dass wir die Euro-Zone wie einen Bundesstaat im US-Stil aufbauen sollten. Trotzdem können wir von den USA lernen, den Euro stabiler zu machen.

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Europa muss von den USA lernen

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Das vorhandene Staatsvermögen einsetzen

Kommentare zu " Jutta Urpilainen: Europa muss von den USA lernen"

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  • Und diese Frau ist finnische Finanzministerin, armes Finnland. Die Amis sind mehrmals pleite, denn wenn jeder US-Amerikaner ca.100 Jahre und das 24 Std. am Tag arbeiten müßte um die bestehenden Schulden zu bezahlen, wissen wir, was die Glocke geschlagen hat. Es gibt kein Zurück, wir gehen demnächst alle baden, kauft Dosenfutter liebe Leute.

  • @1-Weltregierung
    Sie beschreiben es treffend! Die USA sind abgewirtschaftet, das Volk größtenteils verarmt durch Niedriglohn und hoher Inflation. Deutschland schickt sich immer mehr an, diesen Standard zu erreichen. Dank neoliberaler Regierung, neoliberaler Opposition, zahnloser Gewerkschaften, starken Lobbygruppen. Willkommen im Haifischbecken!!

  • guter artikel, gute frau. einer der wenigen lichtblicke in europa. scheint ihr gehirn noch nicht aufgeweicht zu haben. trotzdem wird es schwierig für europa eine vision zu haben, bei aller anzustrebenden haftungsidentität (schuldner = zahler).

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