Kapitalflucht
Kein Schuldensozialismus in Europa!

Die französische und italienische Zentralbank lassen ihre Notenpressen auf Hochtouren laufen, um die Kapitalflucht aus ihren Ländern auszugleichen. Damit heizen sie das Problem aber nur noch weiter an. Ein Gastkommentar
  • 108

Die Zinsen für Staatspapiere haben sich in der Euro-Zone wieder so ausgespreizt wie schon vor dem Euro. Die Zahlungsbilanzungleichgewichte werden immer größer. Die Krise frisst sich von der Peripherie in den Kern, und die Kapitalflucht beschleunigt sich. Auch aus Italien und Frankreich flieht das Kapital seit dem Sommer mit wehenden Fahnen. Netto könnten mittlerweile 300 Milliarden Euro geflohen sein.

Die Notenpressen bei der Banque de France und der Banca d’Italia laufen auf Hochtouren, um den Geldabfluss auszugleichen. Aber damit wird die Flucht nur befördert, denn der Nachdruck von Geld verhindert einen Anstieg der Geldmarktzinsen bis zu dem Punkt, wo es das Kapital attraktiv fände zu bleiben. Hätte Europa die Regelungen der USA, wo die Zentralbanken der Distrikte der Fed in Washington die Sondergeldschöpfung mit goldbesicherten Wertpapieren bezahlen müssen, würden sie nicht so viel Ersatzgeld schöpfen, und die Kapitalflucht bliebe begrenzt. Die Gelddruckerei ist im Grunde nur Fluchthilfe.

Will die Euro-Zone nicht zu Kapitalverkehrskontrollen schreiten, gibt es nur zwei Auswege: Entweder schiebt sie der lokalen Gelddruckerei einen Riegel vor, oder sie garantiert den Investoren die Anlagen in Ländern, die sie für unsicher halten. Der erste Weg ist der amerikanische. Er verlangt auch, dass das Risiko staatlicher oder privater Wertpapiere bei den Käufern liegt. Der Steuerzahler wird selbst in Extremfällen nicht zu Hilfe geholt. Staaten können in Konkurs gehen.

Der zweite Weg ist der sozialistische. Er führt über Euro-Bonds zur Sozialisierung der Risiken. Weil alle Staaten einander kostenlose Kreditgarantien geben, können sich die Zinssätze für Staatspapiere nicht mehr nach der Bonität der Länder unterscheiden, und die effektiven Zinsen eines Landes sind umso niedriger, je unsolider dieses Land ist.

Der sozialistische Weg folgt zwingend aus dem freien Zugang zur Notenpresse, der das europäische System bis dato kennzeichnet. Solange sich die Banken und damit indirekt auch die Staaten, die ihre Staatspapiere an die Banken verkaufen, billigen Kredit in beliebiger Höhe aus dem Zentralbankensystem ziehen dürfen, wird Europa nicht zur Ruhe kommen. Die Kapitalflucht geht immer weiter, und es sammeln sich riesige Ausgleichsforderungen bei den Zentralbanken des Kerngebiets an (Target), vor allem bei der Bundesbank und der holländischen Zentralbank. In Deutschland machen diese Ausgleichsforderungen mittlerweile die Hälfte des gesamten Nettoauslandsvermögens der Bundesrepublik Deutschland aus (500 Milliarden Euro). Da sie bei einem Auseinanderbrechen des Euros vermutlich verloren gingen, wird der politische Druck, den Euro-Bonds endlich zuzustimmen, übermächtig.

Seite 1:

Kein Schuldensozialismus in Europa!

Seite 2:

Funktionsfähig ist nur der amerikanische Weg

Kommentare zu " Kapitalflucht: Kein Schuldensozialismus in Europa!"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Was fuer ein Schwachsinn. Der amerikanische Weg unter Greenspan und Bernanke hat nur in Chaos gefuehrt. Ich dachte immer mittlerweile hat dies jeder begriffen :-((( Erschreckend, dass der Mensch Chef des Ifo-Instituts ist. Ernuechternd andererseits.

  • Sinn: "Konkret wird sich in Deutschland gewaltiger Widerstand aufbauen, wenn es auf dem Wege der Einführung von Euro-Bonds wieder in die Krise zurückgetrieben wird, die es aufgrund der Zinsangleichung in Europa nach der Einführung des Euros schon einmal durchlaufen hat."

    Fraglich ist, ob das die Profiteure der Exportindustrie und ihrer Finanziers - und damit die politische Klasse in diesem Lande - als "Krise" betrachten werden, solange die Abnehmerländer über diesen Kapitaltransfer weiter fleißig ordern.

    Beispiel ist der 2012 um fast 20 Prozent wachsende Wehretat Griechenlands - verbunden mit der Absichtserkärung Athens, Eurofighter, deutsche U-Boote und französische Fregatten zu kaufen. Es ist der einzige Bereich, welcher von sämtlichen Sparvoraben ausgeschlossen ist und inmitten der Krise pochte Außenminister Westerwelle auf die Abnahme von Eurofightern.

    Die eigentlichen Verlierer sind die hiesigen Arbeitnehmer, welche große Reallohnverluste seit Euro-Einführung hinnehmen mussten - alleine in den letzten 5 Jahren laut FAZ 7 Prozent. Dazu kommen enorme soziale Einschnitte sowie das Wegbrechen der Renten.

    Sie müssen fragen, ob sie am Ende durch den Euro nicht doppelt und dreifach bestraft wurden.

  • Toller und plausibler Artikel, Danke Hr. Sinn.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%