Kapitalismus-Debatte
„China ist kein Vorbild“

Der staatlich gelenkte Kapitalismus erscheint derzeit vielleicht als das robustere Modell, ihm fehlt es aber an der notwendigen Innovationskraft. Ein Kommentar von Ian Bremmer.
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New YorkNiemand weiß besser als die führenden Politiker in China und Russland, dass der Kommunismus nicht funktioniert. Der Staat kann langfristiges Wachstum nicht einfach anordnen. Aber die Politiker dieser Länder wissen auch, dass sie ihre eigene Herrschaft infrage stellen, wenn sie es allein den Märkten überlassen zu entscheiden, wie Wohlstand entsteht und wer profitiert. Deswegen haben sie sich für den Staatskapitalismus entschieden: ein System, in dem die Regierung über Energiekonzerne und andere Staatsbetriebe, nationale „Champions“, Staatsfonds und politisch loyale Banken versucht, die Schaffung des Wohlstands zu kontrollieren.

In mancher Beziehung ist der Staatskapitalismus eine größere Herausforderung für das liberale Modell als der Kommunismus je war – und zurzeit scheint er im Vergleich ja auch vorn zu liegen. Europa hat zu kämpfen, um das Vertrauen in der Euro-Zone wieder herzustellen, Amerikaner und Japaner leiden unter hoher Verschuldung – aber Chinas Wirtschaft ist bärenstark. Andere Länder mit einem staatlich dominierten Kapitalismus haben ebenfalls beachtliche Resultate erzielt. Während ein großer Teil der arabischen Welt in einer politischen Krise steckt, haben Saudi-Arabien und die Vereinigten Emirate genug Geld, um die Stabilität aufrechtzuerhalten.

Aber nicht nur autoritäre Staaten freunden sich mit diesem System an, auch einige Demokratien liebäugeln damit. In Brasilien bleibt der private Sektor zwar der Motor des Wachstums. Aber die Regierung vertraut, um neue Jobs zu schaffen, auf den staatlich dominierten Energiekonzern Petrobras und den nationalen Champion Vale, der im Rohstoffbereich tätig ist.

Dennoch gibt es einige Gründe, die dagegen sprechen, dass wir dort die Zukunft des Kapitalismus sehen. Zum einen dient dieses System eher dem Machterhalt der Elite als dem Wachstum. Vor die Wahl zwischen Wohlstand und Stabilität gestellt, werden die Politiker zunächst ihre eigenen Interessen schützen.

Westliche Regierungen sichern sich zwar auch gerne ab. Aber die Stärke der Institutionen macht es hier viel schwieriger, Ideen, Informationen, Menschen, Geld, Waren und Dienstleistungen zu beeinflussen – also das, was den Kapitalismus so unerreicht dynamisch macht.

Kommentare zu " Kapitalismus-Debatte: „China ist kein Vorbild“"

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  • Wann hören Autoren endlich auf, die Begriffe "Kapitalismus" und "Marktwirtschaft" gleichzusetzen und diese beiden Prinzipien (und ihre Wirkungen) zu verwechseln.

    Während die Marktwirtschaft durch freies Handeln an den Märkten Effizienz und Wohlstand erzeugen kann, bedeutet Kapitalismus, dass Kapital in einem Wirtschaftssystem als Produktionsfaktor eine vom System privilegierte Stellung besitzt.

    Ohne diese Unterscheidung ist unser Blick darauf weiterhin verstellt, eine nicht-kapitalistische Marktwirtschaft, die die Vorteile des freien Marktes ohne die Nachteile des Kapitalius als Alternative zu den heutigen Systemen umsetzt, zu entwickeln.

  • "Ein weiterer Schwachpunkt liegt darin, dass Staatskapitalismus keine „kreative Zerstörung“ zulassen kann – einen Prozess, der dem liberalen System seine entscheidende Kraft verleiht, sich immer wieder zu erneuern."

    Wir haben doch längst Staatskapitalismus in den USA und noch mehr in Europa. Banken und grosse Staatskonzerne werden gepampert, klein- und mittständische Betriebe werden systemmatisch benachteiligt.

    Die vorhandenen systemischen Probleme dem liberalen Kapitalismus in die Schuhe schieben zu wollen ist unseriös wird aber oft zur Diskretidierung versucht.

  • " Hunderte Millionen von Menschen sehen heute, dass andere viel reicher sind als sie selbst. Aber auch, dass Reichtum nicht außerhalb ihrer Reichweite bleibt. Das ist die Quelle der stets erneuerbaren Stärke des liberalen Kapitalismus.!"

    Leider hat der "liberal" Kapitalismus in Europa und den USA in den letzten Jahrzehnten genau das Gegenteil bewirkt - Reichtum ist für die allermeisten weiter denn je entfernt, ja selbst der Lebensstandard der Eltern wird für viele nicht erreichbar sein.
    Daß diese Form von Liberalismus ihre Kehrseiten hat sollte der Autor auch erwähnen. China hat Nachholbedarf, aber die Kernprobleme des derzeitigen Kapitalismus werden auch die Chinesen einholen, mit Wucht.
    Es bleibt deshalb abzuwarten ob "Freiheit" nicht mehr Probleme schafft als ein mittlerweile so verpönter starker Staat - natürlich demokratisch legitimiert und keine Einparteiendiktatur wie in China.
    Die Zurückdrängung des Staates im Westen hat exorbitanten Reichtum für die Eliten produziert, gleichzeitig aber Millionen in (relative) Armut abgleiten lassen, den Gesellschaftsvertrag von oben herab gekündigt.
    Es scheint mit sehr zweifelhaft dieses Vorgehen heute immer noch als Vorbild anzupreisen. Die Nachteile überwiegen doch ganz deutlich die Vorteile - man kann es jeden Tag hautnah erleben, lesen und sehen.
    "Das System" kracht an allen Ecken und Enden und wird nur noch mit Notmassnahmen am Leben gehalten. Der (falsche) Liberalismus bringt sich selbst um; leider werden "die Massen" dafür den Preis bezahlen während die Eliten sich rechtzeitig abseilen, eine ethische Trümmerlandschaft hinterlassend.

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