Kapitalismus-Debatte
Eine neue Vorstellung von Wachstum

Unsere Wirtschaft ist manisch-depressiv: Manchmal sind wir viel zu optimistisch, manchmal sehen wir nur schwarz. Aufgabe der Regierungen ist es, diese Schwingungen zu dämpfen.
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PragEgal von welcher Seite man den Kapitalismus anschaut, in einem Punkt herrscht Einigkeit: Dieses System, das uns so reich und stark gemacht, ist nicht nachhaltig. Es muss verändert werden. Das herrschende Gefühl ist: Wir brauchen eine Phase der Erneuerung, des Erwachens, des Neustarts – ja, und auch der Reue darüber, dass wir so vieles so lange falsch gemacht haben.

Die Hauptfrage ist nicht, ob das System funktioniert. Sondern, ob es so funktioniert, wie wir das wollen – und das ist eine moralische Frage. Der Kern des Problems ist: Manches, was wir schätzen, hat einen Preis – etwa Essen, Handys und Autos. Anderes aber nicht – zum Beispiel Liebe, Freundschaft, saubere Luft. Wer nur auf die Zahlen schaut, wird die Werte der zweiten Kategorie stets übersehen und so auch die Wirtschaft steuern. Es gibt zwei Möglichkeiten, das Problem zu lösen. Zum einen können wir auch den Dingen Preise anheften, die zunächst wenig geeignet dafür scheinen. So bieten CO2-Zertifikate eine Art Preis für saubere Luft, der aber zunächst außerhalb des Marktes konstruiert werden muss. Die Alternative lautet: weniger auf Zahlen schauen als bisher.

Milton Friedman hat einst gesagt: „Wir sind jetzt alle Keynesianer.“ Ich würde sagen: Heute gibt es eigentlich gar keine Ökonomen mehr. Das Ausmaß, in dem wir wirtschaftliche Zusammenhänge nicht verstehen, ist bemerkenswert, ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass Künstler die Entwicklungen häufig schneller begreifen. So brauchten wir erst die Finanzkrise, um zu begreifen, dass unser System auch Schattenseiten hat. Künstler, Soziologen, Anthropologen und Philosophen weisen darauf schon seit Jahrzehnten hin. Doch um Friedman etwas zu variieren: Nicht der wirkliche Keynesianismus beherrscht die Wirtschaftspolitik, sondern eine Art „Bastard Keynesianismus“. Wir übernehmen manche Ideen von Keynes (Staatsdefizite sind okay), verbinden sie mit Populismus und vergessen die andere Seite der Idee (in Wachstumsphasen sollte es Überschüsse im Haushalt geben).

Die Diagnose der heutigen Situation lautet meist, wir hätten eine Depression. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Unsere Wirtschaft ist manisch-depressiv, sie schwankt zu stark in beide Richtungen. In der manischen Phase herrscht eine viel zu optimistische Einschätzung der gegenwärtigen und künftigen Lage, außerdem gibt man mehr aus, als man sich leisten kann, ist aber auch sehr effizient und kreativ. Das ist vor allem in den USA und in Irland so: Wenn die Banker dort die halbe Zeit, halb so effektiv und mit weniger Optimismus arbeiten würden, hätten wir kein Problem.

Die Rolle der Regierungen wäre es, diese Schwingungen zu dämpfen. Aber da haben sie versagt. Nur die Depressionen anzugehen ist so, als wenn man bei Alkoholikern nur den Kater bekämpft. Die Aufgabe von Ökonomen und Wirtschaftspolitik ist es gerade nicht, immer das Bruttoinlandsprodukt zu steigern, sondern den Konjunkturzyklus flacher verlaufen zu lassen. Und das heißt, in manischen Phasen zu bremsen, durch staatliche Haushaltsüberschüsse und hohe Zinsen.

Anders gesagt: Bisher haben wir Stabilität gegen Wachstum eingetauscht. In den künftigen Jahrzehnten müssen wir Wachstum gegen Stabilität eintauschen. Das ist der Hauptpunkt, um den Kapitalismus zu verändern – für die Gegenwart und die Zukunft. Denn es ist nicht der Kapitalismus per se, der in der Krise steckt, sondern unser Konzept von Wachstum.

Tomáš Sedláček ist Ökonom in Prag, war Berater von Vaclav Havel und hat „Die Ökonomie von Gut und Böse" geschrieben.

Kommentare zu " Kapitalismus-Debatte: Eine neue Vorstellung von Wachstum"

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  • Sorry, ich sehe keinen inhaltlichen Dazugewinn. Gerade der Zinsmechanismus hat viele Unternehmen und Staaten in die Pleite getrieben. Lieber das Buch vom renommierten Ökonomen Steve Keen lesen, Debunking Economics.

  • Besser kann man die Realität nicht beschreiben.
    Alles Unbequeme wurde ausgeblendet durch durch mehr Risiko und weniger Stabilität bezahlt.
    Kein ernstzunehmender Ökonom hätte das je anders gesehen.
    Nur die poltischen Ökonomen nicht, für die der Zweck jedes Mittel heiligte.

    H.

  • „Bastard Keynesianismus“ - sehr treffend!

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