Kapitalismus-Debatte
„Freiheit hat keine guten Chancen“

Die Deutschen erwarten zu viel vom Staat und sind zu wenig bereit, eigene Verantwortung zu übernehmen. Wir müssen uns wieder auf die Stärken der sozialen Marktwirtschaft besinnen – und mehr Freiheit wagen.
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Wie muss sich Kapitalismus oder Marktwirtschaft – genauer: die soziale Marktwirtschaft – entwickeln, um Bestand zu haben und Zustimmung zu finden?

Die Antwort beginnt mit einer begrifflichen Klärung. Die soziale Marktwirtschaft strebt eine Ordnung an, die auf Freiheit und persönlicher Verantwortung als Ausdruck der Würde des Menschen beruht. Kapitalismus beschreibt keine Ordnung, sondern die offensichtliche Tatsache, dass es keine Wirtschaft ohne Kapital geben kann. Daraus folgt noch kein Ordnungsprinzip, weder ein freiheitliches noch ein unfreies. Die Frage nach der wirtschaftlichen Ordnung stellt sich erst, wenn es um die Eigentumsordnung und darum geht, wem Rechte und Verantwortung zugewiesen werden.

Unsere Verfassung beantwortet sie. Sie gewährleistet das Eigentum und verpflichtet es zugleich: Sein Gebrauch soll auch dem Allgemeinwohl dienen. Sie konkretisiert damit den allgemeinen Grundsatz, dass Freiheit und Verantwortung untrennbar sind. Der macht den Wesensgehalt einer freiheitlichen Ordnung aus.

Die marktwirtschaftliche Ordnung der Nachkriegszeit war geprägt von zwei Erfahrungen: der großen sozialen Frage des 19. Jahrhunderts und den Folgen der Verbindung von politischer und wirtschaftlicher Macht in der Weimarer Republik. Die Antwort auf die soziale Frage gibt unsere soziale Ordnung. Die Frage nach dem angemessenen Umgang mit wirtschaftlicher Macht blieb unbeantwortet. So konnten sich in einer kartellierten Wirtschaft Machtzentren bilden, die sich dem kommenden Unrechtsstaat als Grundlage für seine Aufrüstung anboten.

Nach dem Zusammenbruch war es Ludwig Erhards und seiner Mitstreiter Ziel, Freiheit und Verantwortung, sozialpflichtiges Eigentum, soziale Ordnung und die Kontrolle wirtschaftlicher Macht auf eine Weise zu verbinden, die mit einer demokratischen Verfassung vereinbar war. Dies ist ihnen in den 1950er-Jahren gelungen. Die Idee der sozialen Marktwirtschaft bewährte sich im Aufbau unserer Wirtschaft, im wachsenden Wohlstand und im Ausbau der sozialen Ordnung.

Kommentare zu " Kapitalismus-Debatte: „Freiheit hat keine guten Chancen“"

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  • Unter Freiheit verstehen die Politiker immer nur das die die alles im Überfluss haben den anderen den letzten Rest wegnehmen dürfen. Unter Verantwortung verstehen sie die Verantwortung derer die nichts mehr haben freiwillig den letzten Rest auch noch abzugeben. Kapitalismus oder der Streichelbegriff Marktwirtschaft ist ein ewiger Krisenkreislauf mit Halbwertzeit. Mit so einem Wirtschaftssystem ist auch keine Demokratie möglich, da alles vom Geld abhängig ist. Geld hat die Eigenschaft alle Menschen auf Gedeih und Verderb voneinander abhängig zu machen und dadurch in lebenslange Dauerkonkurrenz zu zwingen. Wer von anderen abhängig ist oder als Konkurrent bekämpft wird kann nicht davon reden das er frei ist. Genauso wenig wie der, der über sein Geld andere von sich abhängig macht behaupten kann das er ein Menschenfreund ist. Geld sorgt hauptsächlich für Leid und Unrecht, das Geld was der Millionär mehr hat muss tauenden Tellerwäschern weggenommen werden.

  • Das Problem ist doch, dass es eine soziale Marktwirtschaft
    schon lang nicht mehr gibt. Was es gibt, sind soziale Sicherungssysteme, welche die Verwerfungen in der Wirtschaft wie einseitige Shareholder Fokussierung, Leiharbeit, Minijob und Unterbezahlung
    etwas ausgleichen. Aber auch mit letzterem ist es zunehmend schlecht bestellt. Arbeitslose, Hartz-IV Empfänger und Aufstocker werden in ihren Rechten immer mehr drangsaliert und beschnitten. Rentner bekommen -im Gegensatz zu den immer forscher auftretenden Pensionären- noch nicht einmal mehr die ohnehin nach unten geschönte Inflationsrate ersetzt. Was regiert, ist der Megakapitalismus, der erst eine Krise nach der anderen provoziert, um dann anonym im Leserkommentar auf Welt Online den verarmten Opfern dieser Machenschaften mitzuteilen, sie könnten ja Selbstmord verüben oder sich
    -da mittlerweile wertlos- nach Sibirien deportieren lassen. Biedenkopf singt hier aus der selbstgefälligen Perspektive eines Akademikers und Berufspolitikers die Lobeshymne auf einen Wildwest Kapitalismus, dessen Härten er selbst nie ausgesetzt war. Auch ist es angebracht einmal über die Begrenzung der 200 Milliarden Euro pro Jahr Wirtschaftssubventionen nachzudenken, statt sich wieder einmal über die sozial Schwachen zu empören.

  • Das wird kommen. Es ist eine Frage der Zeit. Vergleicht man wieviele Leute vor zwei Jahren auf die Strasse gegangen sind und nun kommen in Frankreich schon die ersten Strassenschlachten vor. Spanien streikt, von den anderen Ländern wird nichts berichtet. Traut man sich nicht zu sagen, was wirklich los ist? Scheinbar erzählt man den Leuten in Griechenland, dass es eine hohe Kindersterblichkeit (und andere soziale Katastrophen) geben wird und Krieg mit der Türkei, wodurch jegliche Diskussion um einen Austritt aus dem Euro im Kiem geschmort wird. Soviel zur Demokratie.

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