Kommentar
Geld umklammert Politik

Wäre Ex-Präsident Wulff in den USA passiert, was ihm hier vorgeworfen wird, wäre er wohl noch im Amt. In den Vereinigten Staaten gehört Korruption zum politischen Alltag. Dafür gibt es verschiedene Gründe.
  • 2

Gemessen an amerikanischen Standards, sind die Vorwürfe gegen den zurückgetretenen Bundespräsidenten Wulff trivial. Wäre der Unglückliche ein Gouverneur eines mittelgroßen US-Bundesstaats, hätte man seine Verfehlungen vermutlich als normal hingenommen.

Verglichen mit Europa, ist Amerika noch ein junges Land. Das erklärt vielleicht, warum es bei uns so viel Machtmissbrauch und Korruption in so kurzer Zeit gegeben hat. Seit 1990 wurden zwei Gouverneure in Illinois, zwei in Arkansas und jeweils einer in Alabama, Arizona und Oregon entweder ins Gefängnis gesteckt oder verloren ihr Amt durch eine Anklage wegen strafrechtlicher Vergehen. Der Letzte war Rod Blagojevich aus Illinois. Er wanderte hinter Gitter, weil er versucht hatte, die Nominierung für den frei gewordenen Senatssitz von Barack Obama zu verkaufen.

Die Debatte über Korruption und Politik ist sowohl ein Unterfangen in politischer Philosophie als auch eine Analyse des nationalen Charakters. In Amerika gibt es eifernde Moralisten und zynische Vertreter eines Laisser-faire. James Madison, einer unserer Gründungsväter, sagte einmal, wenn die Menschen Engel wären, bräuchte man keine Regierung mehr. Thomas Jefferson verdammte die negativen Effekte der Wirtschaft und des Stadtlebens auf die Tugenden der Landbevölkerung.

Korruption hat jede ethnische Gruppe in unserer Gesellschaft erfasst, von Protestanten aus Neuengland über irische, italienische und slawische Katholiken bis hin zu orthodoxen Griechen und Juden sowie Deutsche, Skandinavier bis hin zu Afro-Amerikanern und amerikanischen Ureinwohnern. Treibende Kraft dafür sind weniger die Versuchungen einer sehr reichen Gesellschaft als vielmehr die Tatsache, dass wir es noch nicht geschafft haben, eine gemeinsame zivile Verantwortung zu verankern. Die Moral des Marktes in ihrer brutalsten Form hat sich des Staates bemächtigt.

Seite 1:

Geld umklammert Politik

Seite 2:

Wanderer zwischen den Welten

Kommentare zu " Kommentar: Geld umklammert Politik"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wulff hat Mist gemacht, ja. Aber das war doch alles bekannt bevor er BuPrä wurde.
    Mir scheint, Wulff mußte weg. So wie seinerzeit durch diese Landrätin aus Nürnberg gemobbt wurde ggen Stoiber, der noch der einzige aufrechte Christ-Demokrat war, der Merkel mal was entgegen zu setzen hatte, geschah es doch jetzt mit Wulff.
    Warum? Ich denke mal, spätestens seit Wulffs Rede in Lindau, war Merkel und der SPD klar, dass Wulff evtl.dieses Deutschland-Vernichtungs-Gesetz über den EMS nicht unterschreiben würde. Ergo mußte man sich was einfallen lassen um ihn los zu bekommen
    Also wer steckt wirklich dahinter?
    Merkel selbst? Zutrauen würde ich es ihr sofort genau wie damals die Sache mit Stoiber. Das hat doch diese kleine unbedeutende Frau Pauly nicht von alleine getan

  • Korrekte Zustandsbeschreibung. Addieren Sie jetzt noch den bis in die geistige Verwirrung reichenden christlich, religiösen Fanatismus der Amerikaner und man muss sich die Frage stellen, wieso die USA noch als leuchtendes Beispiel für den " freien Westen" gelten sollten. Feudalistisch, mittelalterlich.
    Wir sind Zeuge des Niedergangs einer Gesellschaft.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%