Kommentar: Warum auch Forscher ihre Interessen offen legen müssen

Kommentar
Warum auch Forscher ihre Interessen offen legen müssen

In Forschung und Politikberatung haben Interessen nicht nur mit Geld zu tun. Daher ist Transparenz besonders wichtig.
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Die Öffentlichkeit erwartet von Wissenschaftlern Objektivität und Unabhängigkeit. Und in der Tat: Unabhängigkeit im Urteil gehört zu den Grundvoraussetzungen für Forschung. Objektive Richtigkeit ist freilich ein naiver Wunsch, denn jede Forschung und jede Analyse basiert auf der Auswahl bestimmter Forschungsfragen und spezifischer Annahmen. Und Annahmen sind immer diskussionswürdig, so dass Ergebnisse zwar voll und ganz wissenschaftlich, aber trotzdem verzerrt oder irrelevant sein können.

Man denke an die jahrzehntelang akzeptierte Rationalitätsannahme der modernen Volkswirtschaftslehre, die ja zunehmend theoretisch wie empirisch infrage gestellt wird. Umso wichtiger ist es, dass die Interessen, die ein Forscher verfolgt, offengelegt werden. Denn diese Information hilft, zu beurteilen, warum bestimmte Annahmen und Methoden benutzt wurden – und ob sie vielleicht sogar das Forschungsergebnis in eine ganz bestimmte Richtung lenken sollten.

Interessen transparent zu machen liegt in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften eigentlich besonders nahe, da ständig Probleme behandelt werden, bei denen Werturteile eine große Rolle spielen, etwa bei Fragen der Besteuerung oder der Regulierung von Märkten. Aber das Offenlegen hat keine Tradition. Die Veröffentlichungs- und Diskussionspraxis folgt noch der geisteswissenschaftlichen Tradition: Man verlässt sich darauf, dass im Laufe des wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurses jedes relevante Argument auf den Tisch kommen wird. Das mag langfristig auch so sein, ist aber im alltäglichen Streit von Interessen und Argumenten keineswegs besonders effizient.

In der Medizin ist es längst Pflicht, in Publikationen die Geldgeber der Forschung zu nennen, damit der Leser besser beurteilen kann, was er etwa von Ergebnissen zur Wirksamkeit neuer Medikamente zu halten hat. In wirtschaftswissenschaftlichen Publikationen sind derartige Fußnoten unüblich, und sie werden von Fachzeitschriften nicht konsequent verlangt. So konnte es passieren, dass erst im Nachhinein herauskam, dass der US-Ökonom Frederic Mishkin von der isländischen Handelskammer über 100 000 Dollar für einen Aufsatz bezahlt bekam, der dem isländischen Finanzsystem ein positives Urteil ausstellte. Zwei Jahre später brach das System wegen unzureichender Regulierung zusammen.

Die amerikanische Vereinigung der Volkswirte (American Economic Association) hat jetzt Regeln zur Offenlegung von Interessenkonflikten beschlossen, die hoffentlich sehr bald auch in Europa und Deutschland angewandt werden. Die Fachgesellschaft der deutschen Volkswirte (der Verein für Socialpolitik) hat auch bereits parallel zu den Amerikanern eine Arbeitsgruppe eingesetzt.

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Gerade ökonomische Forschung kann Parteien unterstützen

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  • Wenn die Interessen wenigstens gleich verteilt wären. Das sind sie aber nicht: es kommen ungleich öfter konservative und von den Unternehmensverbänden und angegliederten Lobbyorganisationen gesponserte Wirtschaftsideologen zu Wort als andere. Stets ohne Nennung des Hintergrunds. Den muss dann selbst recherchieren. Auch sog "seriöse" Sender wie der DLF haben da ein ganz geringes Berufsethos ...

  • Dr.NorbertLeineweber: Hervorragend bemerkt. Leider ist es tatsächlich so, dass eine ideologische Grundeinstellung zur gefilterten Informationverarbeitung, dem so genennten priming, führt. Man nimmt als Wissenschaftler die Dinge dann verzerrt wahr ohne eine Chance zu haben von selbst darauf zu kommen. Damit verliert sich der wissenschaftstheoretische Anspruch. Wenn man liest, was ich im Handelsblatt zu Prof. Rürup schreibe, weiß man was gemeint ist.
    Am Ende gipfelt das in der Meinung von mondahu. Das sollte dem wissenschaftlichen Denken Anreiz sein Werturteile offenzulegen.

  • Ökonomie ist keine Wissenschaft! Eben weil zuviel Weltanschauung und Zeitgeist darin vermischt wird.

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