Kommentar

Warum Deutschland die Welt nicht retten kann

Englische und amerikanische Ökonomen glauben, die Deutschen können mit ihrem Geld den Euro vorm Untergang bewahren. Doch ihre Thesen entbehren jeglicher Grundlage.
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Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Quelle: picture alliance / ZB

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“.

(Foto: picture alliance / ZB)

Die Euro-Krise ist schlimm genug. Sie wird nicht besser durch die fantasievolle Remedur, die vom angelsächsischen Kommentariat verschrieben wird. Hier die beliebtesten Dogmen und Mythen:

1. Demokratie-Risiko Deutschland: In der „Financial Times“ schreiben der Historiker Niall Ferguson und der professionelle Schwarzseher Nouriel Roubini, es sei „fünf vor zwölf“, weil die Deutschen die „Lehren der Vergangenheit“ vergessen hätten. Wenn sie nicht ihre Inflationsphobie ablegen und mit ihrem Reichtum den Euro retten, dräue nicht nur Weltwirtschaftskrise II, sondern wie 1929 der „Kollaps der Demokratie in Deutschland und quer durch Europa“. Leider ist die früher kollabiert. In Russland siegte der Totalitarismus 1917, in Osteuropa der Rechtsautoritarismus in den „Goldenen Zwanzigern“. Mussolini marschierte 1922 in Rom ein. Die Diktatur eroberte Portugal 1926. Austerity und Weltwirtschaftskrise kamen später. Das Danach kann nicht das Davor erklären.

2. „Angela Brüning“: Besonders beliebt ist das Schreckgespenst Heinrich Brüning, Kanzler von 1930 bis 32. Seine Enkelin im Geiste sei Angela Merkel, die von ähnlichem Sparzwang besessen sei. Auch das ist mehr politische Poesie als historisches Faktum. Brüning war Mr. Austerity. Er hat die Staatsausgaben um ein Drittel gestaucht, die Abgaben hochgejagt, die Neuverschuldung auf fast null gedrückt. Dagegen hat Merkel zwei Konjunkturpakete verabschiedet, das Defizit erst abgesenkt, als sich die Arbeitslosigkeit dem Vor-Krisenstand näherte. Ansonsten hat sie der EZB erlaubt, die maroden Anleihen der PIIGS aufzukaufen und eine Billion Liquidität in die Banken zu pumpen.

Von welcher Austerity reden wir angesichts der astronomischen Defizite Amerikas und Englands (zehn Prozent vom BIP) und der nicht minder überbordenden Geldschwemme der Fed und der Bank of England? Austerity damals hieß „Null-Defizit“. Heute beträgt es in Euro-Land knapp fünf Prozent - nicht ganz freiwillig, sondern rezessionsbedingt. Brüning würde toben.

3. Krisenprofiteur Deutschland: „Deutschlands Wohlstand ist weitgehend der Währungsunion geschuldet“, schreiben Ferguson und Roubini. Denn der Euro hätte dem Export einen günstigeren Wechselkurs geschenkt, als es die D-Mark getan hätte. Die Fakten sind so wackelig wie die Kausalität. Bei seiner Geburt war der Euro 85 US-Cent wert; 2011 holte er 1,49 Dollar - eine Aufwertung um 75 Prozent. Trotzdem boomte der Export. Warum? Weil die Deutschen intern abgewertet hatten, just, wie es die Wettbewerbsfähigkeit in einer Währungsunion verlangt, die den alten Weg - Außenabwertung - blockiert. Sie hatten die Schröder-Medizin geschluckt: Arbeitsmärkte aufgelockert, Arbeitsanreize durch Hartz IV erhöht, anti-kompetitive Regeln aufgehoben.

Die anderen haben sich nicht reformiert und spendiert - dank niedrigerer Zinsen unter dem Euro. Die Folge: Die Lohnstückkosten gingen nur um sieben Prozent hoch, in Italien um 30, in Spanien 36, in Griechenland 42. Das, nicht der „niedrige“ Euro, ist das Geheimnis des Exportbooms - und die Wurzel der Misere in den Krisenstaaten.

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16 Kommentare zu "Kommentar: Warum Deutschland die Welt nicht retten kann"

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  • Richtig erkannt, dass die Milliarden an Gläubiger fließen und
    nicht an die hilfsbedürftigte Südstaaten.Erst wenn die ihr
    Geld zurückbekommen haben, dann werden diese keine
    Anleihen mehr kaufen und der Euro wird sang und klanglos
    untergehen. Wenn der Anleihemarkt zusammenbricht ist
    alles am Ende. Keine EZB kann dann noch über den ESM oder
    selbst
    Staatsanleihen kaufen, weil kein Geld mehr im Fond ist.
    Spätestens dann wenn Bayern nicht mehr bereit ist, weitere
    Zugeständnisse zwecks Aufstockung des ESM zu machen dann scheitert die Eurozone. Seehofer hat Angst, sich nicht
    mehr in Bayern blicken zu lassen,vielleicht mit 4 Bodygards.
    Dann werden Branchen wie der Bewachungsschutz boomen.
    Ich hoffe noch, dass ich meine seit jahrzehnten gezahlte
    Lebensversicherung bekommen werde, oder es Gnade euch
    Gott!

  • Die Griechen wollen eigene Spielregeln, wie bisher
    !
    In der Zwischenzeit dürfte es wohl einem jeden klar geworden sein, dass sich die Griechen sehr gerne auch weiterhin die Annehmlichkeiten der EU gönnen wollen, nocht aber dafür bezahlen, denn dafür fehlt im Land der Sonne und des Dolce-Vita einfach die Zeit. Da die Nordeuropäer nicht soviel Sonne habe, haben sie auch viel mehr Zeit für Europa zu arbeiten, wie bis anhin. Dass die Südländer nicht verstehen können, warum die Deutschen an diesen Gewohnheiten was ändern wollen, liegt ja wohl auf der Hand. Also Arbeitet und Zahlt ! Wir Schweizer halten uns da noch ein wenig zurück!

  • ...Oekonomen glauben, dass D den Euro retten kann."... genau das ist der Punkt. Die Welt hat ein Problem und das sind Akademiker- Theoretiker, nie in der Praxis, sie lehren, sind Politiker, machen Analysen und das Ergebnis sieht jeder. Alles aber auch alles ist schon im Ansatz falsch ( z.B Eurorettung) Der beste Beweis ist die an der Uni gelehrte Makrooekonomie genannt VWL. Vom Ansatz falsch und untauglich die Wirtschaft zu erklaeren. Inzwischen ist der Bloedsinn bekannt.
    Was die Welt braucht ist die DE-Akademisierung hin zu praxisbezogenem Denken. Es muss ein Ende haben mit inkompetenten Kanzlern, die irgendeine wissenschaftliche Ausbildung haben, die zu nichts fuehrt( Merkel) und Anwälten, die festgestellt haben, dass sie "koennen" ( Obama.) Gott verschone die Menschheit vor allzuvielen Akademikern.

  • Danke für diesen klar strukturierten und verständlich abgefassten Artikel! SO sollten alle Beiträge im HB aussehen - dann würden auch mehr Bürger kapieren, was passiert. Denn die meisten Bürger halten nur deshalb still, weil sie nichts verstehen.

  • Etwas Grundlegendes wird in keinem dieser Artikel nicht angesprochen: Die Milliardensummen, auch die des ESM werden nicht "in die PIIGS - Staaten" gepumpt, sondern gehen an millionenschwere Investoren, Banken und Versicherungen, die sich verzockt haben. Oder genau wußten, dass in ihrem Fall immer der Staat eingreifen würde. Somit zahlt der dumme Steuerzahler letztlich die wieder einmal die Zeche! Leider gibt es gegen diese Machenschaften keine Großdemos, noch nicht! Die "Großsprecher" wie Gewerkschaften und Steuerzahler-Verbände, Gerechtigkeitsfanatiker sind völlig abgetaucht!

  • Wäre alle kein THEMA wenn:
    wir ALG 1 wieder unbegrenzt in 100% Höhe des letzen Bruttolohnes bekommen
    Hartz 4 verdoppelt oder verdreifacht wird, bei Leuten die schon 10 Jahre und mehr einbezahlt haben!
    Leiharbeit verboten wird
    und Mindestlohn 15€/std eingeführt wird!
    Rente wie in Frankreich auf 60 besser auf 55 (als Geberland scheinen wir es ja eh dicke zu haben) Jahre zurückgefahren wird!
    Dann hätten unsere Landsleute auch was von dem Wahnsinn auf Pump für andere Länder, auf unsere Kosten!

  • Vielleicht hätte Herr Joffe nicht nur die Geschichte von vor 80 Jahren studieren sollen, sondern auch die Geschichte der jetzigen Krise.

    Dann hätte ihm vielleicht auffallen können, dass das was unsere Medien inzwischen zur Schuldenkrise umdefiniert haben, als Finanzkrise ins Leben trat.

    Jeder kann ergooglen, dass die Verschuldungen der Staaten weltweit erst nach 2007/8 drastisch anstiegen. Herr Joffe lässt gänzlich unbeleuchtet, dass z. B. die Bad Bank der HRE Wertpapiere im Werte von 180 Milliarden Euro bilanziell vor sich herschiebt. Das Geld wird irgendwann (spätestens in ~18 Jahren) vom deutschen Haushalt abgebucht.

    Außerdem glaube ich nicht, dass Hitler den Polenfeldzug nicht begonnen hätte, wenn in Russland ein Zar gesessen hätte oder in Italien kein Mussolini. Da gibt es keine Zusammenhänge wie Herr Joffe dezent unterschieben möchte.

    Den Text und die konstruierten Zusammenhänge finde ich trotzdem ganz amüsant, eben weil sie eine gewisse Nonkonformität ausstrahlen, die entweder imponieren oder zum Widerspruch herausfordern.

  • Danke für die Empfehlung, allerdings informiere ich mich immer selbst, insofern geht dies ins Leere.
    Ich habe ausdrücklich davon gesprochen, dass die Schuldenstände, bis auf wenige Ausnahmen, vor der Krise rückläufig waren. Die Staatsschulden sind also NICHT immer weiter gestiegen, bis wir jetzt in der Krise sind. Diese Geschichte ist eine falsche Geschichte.
    Sie sind gesunken, und waren in den meisten Ländern Europas, darunter auch Irland und Spanien, auf einem verträglichen Niveau. Selbst das von Griechenland, aber auch da mussten die Banken gestützt werden, was die Verschuldung nach oben trieb.

    Was war aber passiert? Es gab Bankenblasen und Immobilienblasen. Beides sind keine Folge staatlicher Politik, sondern Folge eines überfütterten Finanzmarktes, der dank niedriger Zinsen immer weiter munter in beliebige Spekulationsblasen investierte. Wären es nicht spanische Strandbetonbauten gewesen, dann eben etwas anderes - völlig egal. Was aber hätte die Folge sein müssen, wenn Blasen platzen? Bankenpleiten und Wertverluste für Anleger. Aber genau das wollten Handelsblatt-Leser nicht akzeptieren. Sie wollten, dass andere für ihre Verluste einstehen.

    Also wurden die Banken herausgekauft, und als darunter die Staaten litten, werden jetzt auch die Staaten herausgekauft. Das ist nur die logische Folge einer Politik, die Wertberichtigungen in gigantischem Ausmaße einfach nicht zulassen will, obwohl die Schuldenstände einfach nicht mehr tragbar sind, egal welche Maßnahmen zur Gesundung man ergreift. Irgendwann kommen wir aber um die Vermögensvernichtung nicht mehr herum, denn es handelt sich hier um fiktive Vermögen, hinter denen keine echten Werte mehr stehen. Je mehr Deutschland sich weiterer Streckung sperrt, desto eher wird sie kommen.

  • Es wird ja ein unglaublicher Informations-Propaganda, ich möchte sogar von einem kriegerischen Propagandaangriff auf Deutschland und die Nordstaaten sprechen. Eigentlich wäre es jetzt richtig auch international in den PIIGS-Ländern, GB und USA diese Wahrheit zu verbreiten.

    Ich habe den Euro satt. Wir brauchen einen Plan B, um notfalls die Reissleine zu ziehen.
    PIIGS-Land, GB und USA haben alle ihre eigenen Interessen und dabei Begehrlichkeiten, die deutschen Sozialkassen, Sparvermögen und die Industrie entdeckt. Klar, hier ist was zu holen, denn hier ist man ja schon reformiert.

    Italien ist REICH: Die Sparvermögen der Bürger GIGANTISCH, der STAATSBESITZ ist auch GIGANTISCH, Italien hat eine gute Wirtschaft. Und dennoch. Die greifen lieber in UNSERE Tasche greifen, am liebsten einen Blankoscheck!!!

    Hier wird die Freiheit und die Demokratie mit Füssen getreten. Deshalb raus aus dem Euro!!

  • Hätte ich von einem Herausgeber "der Zeit" nicht gedacht:
    Sehr fundiert!
    Wenn ich aber "Zeit online" lese, da lese ich ständig 95% des Gegenteils von dem was Sie hier schreiben.

    Wie ist das zu erklären ? Es dürften doch nicht nur Azubis sein, die in "Zeit Online" schreiben oder ?

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