Kommentar
Warum Deutschland die Welt nicht retten kann

Englische und amerikanische Ökonomen glauben, die Deutschen können mit ihrem Geld den Euro vorm Untergang bewahren. Doch ihre Thesen entbehren jeglicher Grundlage.
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Die Euro-Krise ist schlimm genug. Sie wird nicht besser durch die fantasievolle Remedur, die vom angelsächsischen Kommentariat verschrieben wird. Hier die beliebtesten Dogmen und Mythen:

1. Demokratie-Risiko Deutschland: In der „Financial Times“ schreiben der Historiker Niall Ferguson und der professionelle Schwarzseher Nouriel Roubini, es sei „fünf vor zwölf“, weil die Deutschen die „Lehren der Vergangenheit“ vergessen hätten. Wenn sie nicht ihre Inflationsphobie ablegen und mit ihrem Reichtum den Euro retten, dräue nicht nur Weltwirtschaftskrise II, sondern wie 1929 der „Kollaps der Demokratie in Deutschland und quer durch Europa“. Leider ist die früher kollabiert. In Russland siegte der Totalitarismus 1917, in Osteuropa der Rechtsautoritarismus in den „Goldenen Zwanzigern“. Mussolini marschierte 1922 in Rom ein. Die Diktatur eroberte Portugal 1926. Austerity und Weltwirtschaftskrise kamen später. Das Danach kann nicht das Davor erklären.

2. „Angela Brüning“: Besonders beliebt ist das Schreckgespenst Heinrich Brüning, Kanzler von 1930 bis 32. Seine Enkelin im Geiste sei Angela Merkel, die von ähnlichem Sparzwang besessen sei. Auch das ist mehr politische Poesie als historisches Faktum. Brüning war Mr. Austerity. Er hat die Staatsausgaben um ein Drittel gestaucht, die Abgaben hochgejagt, die Neuverschuldung auf fast null gedrückt. Dagegen hat Merkel zwei Konjunkturpakete verabschiedet, das Defizit erst abgesenkt, als sich die Arbeitslosigkeit dem Vor-Krisenstand näherte. Ansonsten hat sie der EZB erlaubt, die maroden Anleihen der PIIGS aufzukaufen und eine Billion Liquidität in die Banken zu pumpen.

Von welcher Austerity reden wir angesichts der astronomischen Defizite Amerikas und Englands (zehn Prozent vom BIP) und der nicht minder überbordenden Geldschwemme der Fed und der Bank of England? Austerity damals hieß „Null-Defizit“. Heute beträgt es in Euro-Land knapp fünf Prozent - nicht ganz freiwillig, sondern rezessionsbedingt. Brüning würde toben.

3. Krisenprofiteur Deutschland: „Deutschlands Wohlstand ist weitgehend der Währungsunion geschuldet“, schreiben Ferguson und Roubini. Denn der Euro hätte dem Export einen günstigeren Wechselkurs geschenkt, als es die D-Mark getan hätte. Die Fakten sind so wackelig wie die Kausalität. Bei seiner Geburt war der Euro 85 US-Cent wert; 2011 holte er 1,49 Dollar - eine Aufwertung um 75 Prozent. Trotzdem boomte der Export. Warum? Weil die Deutschen intern abgewertet hatten, just, wie es die Wettbewerbsfähigkeit in einer Währungsunion verlangt, die den alten Weg - Außenabwertung - blockiert. Sie hatten die Schröder-Medizin geschluckt: Arbeitsmärkte aufgelockert, Arbeitsanreize durch Hartz IV erhöht, anti-kompetitive Regeln aufgehoben.

Die anderen haben sich nicht reformiert und spendiert - dank niedrigerer Zinsen unter dem Euro. Die Folge: Die Lohnstückkosten gingen nur um sieben Prozent hoch, in Italien um 30, in Spanien 36, in Griechenland 42. Das, nicht der „niedrige“ Euro, ist das Geheimnis des Exportbooms - und die Wurzel der Misere in den Krisenstaaten.

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  • Richtig erkannt, dass die Milliarden an Gläubiger fließen und
    nicht an die hilfsbedürftigte Südstaaten.Erst wenn die ihr
    Geld zurückbekommen haben, dann werden diese keine
    Anleihen mehr kaufen und der Euro wird sang und klanglos
    untergehen. Wenn der Anleihemarkt zusammenbricht ist
    alles am Ende. Keine EZB kann dann noch über den ESM oder
    selbst
    Staatsanleihen kaufen, weil kein Geld mehr im Fond ist.
    Spätestens dann wenn Bayern nicht mehr bereit ist, weitere
    Zugeständnisse zwecks Aufstockung des ESM zu machen dann scheitert die Eurozone. Seehofer hat Angst, sich nicht
    mehr in Bayern blicken zu lassen,vielleicht mit 4 Bodygards.
    Dann werden Branchen wie der Bewachungsschutz boomen.
    Ich hoffe noch, dass ich meine seit jahrzehnten gezahlte
    Lebensversicherung bekommen werde, oder es Gnade euch
    Gott!

  • Die Griechen wollen eigene Spielregeln, wie bisher
    !
    In der Zwischenzeit dürfte es wohl einem jeden klar geworden sein, dass sich die Griechen sehr gerne auch weiterhin die Annehmlichkeiten der EU gönnen wollen, nocht aber dafür bezahlen, denn dafür fehlt im Land der Sonne und des Dolce-Vita einfach die Zeit. Da die Nordeuropäer nicht soviel Sonne habe, haben sie auch viel mehr Zeit für Europa zu arbeiten, wie bis anhin. Dass die Südländer nicht verstehen können, warum die Deutschen an diesen Gewohnheiten was ändern wollen, liegt ja wohl auf der Hand. Also Arbeitet und Zahlt ! Wir Schweizer halten uns da noch ein wenig zurück!

  • ...Oekonomen glauben, dass D den Euro retten kann."... genau das ist der Punkt. Die Welt hat ein Problem und das sind Akademiker- Theoretiker, nie in der Praxis, sie lehren, sind Politiker, machen Analysen und das Ergebnis sieht jeder. Alles aber auch alles ist schon im Ansatz falsch ( z.B Eurorettung) Der beste Beweis ist die an der Uni gelehrte Makrooekonomie genannt VWL. Vom Ansatz falsch und untauglich die Wirtschaft zu erklaeren. Inzwischen ist der Bloedsinn bekannt.
    Was die Welt braucht ist die DE-Akademisierung hin zu praxisbezogenem Denken. Es muss ein Ende haben mit inkompetenten Kanzlern, die irgendeine wissenschaftliche Ausbildung haben, die zu nichts fuehrt( Merkel) und Anwälten, die festgestellt haben, dass sie "koennen" ( Obama.) Gott verschone die Menschheit vor allzuvielen Akademikern.

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