Konjunktur
Warum Prognosen die Krise verschärft haben

Die immer neuen Horrorprognosen der Forschungsinstitute, Bankanalysten und internationalen Organisationen können auch "brandgefährlich" sein, räumt Klaus F. Zimmermann selbstkritisch ein. In einem Gastbeitrag mahnt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) seine Zunft zu mehr Zurückhaltung. Denn er ist sich sicher: Der Prognoseabwärtswettlauf hat die Schwere der Wirtschaftskrise noch verschärft.
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In einem Wochenbericht des DIW Berlin heißt es: "Seit Mitte Oktober ... hat sich die wirtschaftliche Welt verändert. Was bis dahin von vielen als eine nahezu stetige Aufwärtsbewegung angesehen werden konnte, hat sich als eine Gratwanderung offenbart, deren Risiken erst jetzt voll sichtbar werden. Die seit einigen Jahren latent vorhandene Labilität ... hat sich nun in schockartigen Kursrückschlägen an den Wertpapierbörsen der Welt niedergeschlagen. Die Ereignisse in den vergangenen Wochen haben ... das Vertrauen von Verbrauchern und Investoren so erschüttert, dass den vorliegenden Prognosen für die Entwicklung ... weitgehend der Boden entzogen ist."

Die letzten Jahre sahen zunächst eine einzigartige Wirtschaftsentwicklung, mit starkem Wachstum in weiten Teilen der Welt. In der Folge erfuhren nicht nur Amerika und Europa, sondern auch insbesondere Russland, China und Indien eine steigende Beteiligung an dem gewachsenen Wohlstand. Zwar wurde die Welt dadurch gleicher. Aber schon bald knirschten die Ökonomien in den Industriestaaten, es drohten Umverteilungskonflikte auf hohem Niveau, und das Gespenst einer neuen Infl ation verbreitete Ängste. Da sich die Wirtschaftsentwicklung immer in konjunkturellen Wellen vollzieht, musste allerdings mit einer baldigen Abschwächung des starken Wachstums in der Welt gerechnet werden.

Tatsächlich kühlte sich die Wirtschaftsentwicklung schon 2007 ab, und die weitere Fortsetzung des Abwärtstrends wurde bereits frühzeitig prognostiziert. Mit der Zuspitzung der Finanzkrise, die durch den Wirtschaftsabschwung eingeleitet und durch den Zusammenbruch der Lehman Brothers eskalierte, stand ab dem Herbst 2008 die Welt am wirtschaftlichen Abgrund. Inzwischen bedroht der Abschwung in vielen Ländern in einer einzigartigen Weise Beschäftigung und Wohlstand.

Die Einzigartigkeit besteht zunächst in der synchronen Bewegung, in der sich das Problem über die Welt verteilt. Dies ist auch eine Folge der Globalisierung mit der Konsequenz der intensiven Vernetzung der Ökonomien und der Medien. Dazu trägt bei, dass sich Stimmungen und Erwartungen von Konsumenten und Investoren heute wegen der unmittelbaren internationalen Kommunikation direkt anpassen. Dazu gehört aber auch, dass durch die Medien Dramatik inszeniert wird, indem Negativmeldungen überzeichnet und Positivmeldungen schlicht ignoriert werden. So können sich Stimmungswellen rasch verbreiten und Handlungsschocks auslösen. Da der Kern allen Wirtschaftens wechselseitiges Vertrauen ist, reagiert das Marktsystem extrem sensibel auf Vertrauenskrisen.

Diese psychologischen Wellen konvertieren bald zu realwirtschaftlichen Phänomenen: Aus Ängsten und schlechten Erwartungen werden fallende Investitionen und Konsumausgaben, aus binnenwirtschaftlichen Einbrüchen, hier zunächst in den von der Finanzkrise erfassten Staaten, vorneweg die Vereinigten Staaten und Großbritannien, dann in den exportorientierten Nationen, darunter China und Deutschland, die von der importierten Rezession erfasst werden. Der globale Schock erfasst so über die weltweite Vernetzung alle Ökonomien.

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