Lorenzo Bini Smaghi
„Euro-Zone ist stärker als die Inflation“

Die Angst vor der Inflation wächst. Doch diese Sorge ist unbegründet - zumindest in Europa. Denn die Euro-Zone steht stärker da, als jede andere Region der Welt. Nicht zuletzt dank der EZB.
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Die Notenbanken ergreifen weltweit neue Maßnahmen, die ihre Bilanzsummen aufblähen werden. Das wirft vor allem in Deutschland die Frage nach den Risiken auf, die damit verbunden sind. Das erste Risiko heißt Inflation. Es wird aber aus mindestens drei Gründen in den nächsten zwei bis drei Jahren nicht akut - und das ist der Zeitraum, in dem geldpolitische Maßnahmen wirken.

Der erste Grund ist, dass Geldpolitik dann zu Inflation führt, wenn sie eine wachsende Nachfrage finanziert, die die Produktionskapazitäten überfordert. Das ist im Euro-Raum nicht der Fall. Die führenden Prognosen sehen für das laufende Jahr eine Schrumpfung der Wirtschaft voraus und für 2013 so gerade noch eine stabile Entwicklung. Produktion und Beschäftigung liegen klar unterhalb der Kapazitätsgrenzen.

Der zweite Grund ist, dass die Finanzpolitik in der Euro-Zone zurückhaltend ist, die Haushaltsdefizite fallen. Eine großzügige Geldpolitik als Ausgleich für eine restriktive Finanzpolitik ist aber ein Schulbeispiel dafür, wie man die wirtschaftliche Anpassung erleichtert, ohne Inflationsrisiken einzugehen.

Der dritte Grund ist, dass Geldmengen und Kreditvolumina insgesamt nicht wachsen, obwohl die Bilanzsummen sich so stark ausweiten. Denn der sogenannte Geldschöpfungsmultiplikator, der den Zusammenhang zwischen Notenbankbilanz und Geldmenge darstellt, ist drastisch geschrumpft, weil viele Bürger und Unternehmen jetzt auf Bargeld oder andere risikolose Anlagen setzen.

Alles in allem deuten die Indikatoren in der Euro-Zone also darauf hin, dass die großzügige Geldpolitik kurz- bis mittelfristig keine Inflation verursachen wird. In den USA ist das nicht ganz so sicher, weil sich die Wirtschaft dort schon erholt hat und das Haushaltsdefizit immer noch bei rund neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt.

Das zweite Risiko besteht darin, dass die Notenbank möglicherweise die Zügel nicht schnell genug wieder anzieht, wenn sich die Situation verbessert hat. Wenn sie den "Ausstieg" aus einer großzügigen Geldpolitik derart verschiebt, würde sie mittel- bis langfristig eben doch Inflation erzeugen. Aber warum sollte die Europäische Zentralbank (EZB) so handeln? Nach aller Erfahrung reagiert sie eher zu früh als zu spät. So hat sie etwa im April 2011 die Zinsen erhöht und einige langfristige Refinanzierungsangebote gestoppt. Damit reagierte die EZB auf erste Anzeichen einer Belebung, die sich aber rasch als trügerisch erwiesen.

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Das größte Risiko ist der sinkende Spardruck

Kommentare zu " Lorenzo Bini Smaghi: „Euro-Zone ist stärker als die Inflation“"

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  • "Europa antwortet auf die Dumpingpreise aus Fernost"

    Der Erfolg der Industrie ist NICHT deckungsgleich mit Wohlstandsgewinn für die Bevölkerung! Was nutzt den Deutschen ein riesiger Export, wenn fast nichts von der Erträgen im Land hängen bliebt?

  • "Doch diese Sorge ist unbegründet"

    ..wie genau läuft das eigentlich am, wenn solche Endsieg-ist-nahe-Artikel der europäischen Politmafia abgedruckt werden?

    Die Inflation steckt hierzulande im Dax und in den Immobilien sowie in den Rohstoffen. Mit einem wirtschaftlichen Abschwung, der ebenso vorhersehbar ist wie das nächste Weihnachten, wird diese Liquidität freigesetzt werden und den Konsumsektor erreichen. Und dann wird die Gurke schnell 20€ kosten.

  • Selten solch ein "Geschmarre" gelesen. Das ist die italienische Geldwertstabilität a la Herrn Samghi.

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