Gastbeiträge

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Pro: „Ein echter Glücksfall für Deutschland“

In seinem neuen Buch erklärt Hans-Werner Sinn die Tragik der „Target-Falle“ für Deutschland. Ihm geht es dabei nicht um Ruhm, sondern um ein echtes Anliegen. Er setzt die Wissenschaft für sein Vaterland ein.

Charles B. Blankart ist unter anderem Seniorprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Humboldt-Universität zu Berlin. Quelle: Privat
Charles B. Blankart ist unter anderem Seniorprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Humboldt-Universität zu Berlin. Quelle: Privat

Wie konnte es geschehen, dass die über ein Jahrzehnt erarbeitete finanzielle Selbstverantwortung jedes Euro-Staates für seine Staatsfinanzen im Brüsseler Gipfel am 7./8. Mai 2010 in einer Nacht von den Staats- und Regierungschefs verspielt, die Eurozone in eine Transferunion umgewandelt und dadurch eine Bailoutspirale von hunderten von Milliarden Euro ausgelöst worden ist? Das fragte sich die Gruppe von Ökonomieprofessoren, die am 24. Juni 2010 in der Lobby eines Münchener Hotels zusammenstanden.

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Der älteste unter ihnen war der frühere Bundesbankpräsident Helmut Schlesinger, der seine Ausbildung noch vor dem Siegeszug der Modelle erfuhr und daher gelernt hatte, die Realität aufgrund von Statistiken zu erkennen. Er verwies auf eine Spalte kleingedruckter Zahlen des statistischen Teils des aktuellen Bundesbankberichts mit dem Titel „Netto-Auslandsposition der Deutschen Bundesbank“, so genannte „Target2-Forderungen“. Einst war der Posten vernachlässigbar, aber von 2006 bis Anfang 2010 ist er von weit unter 100 auf 226 Milliarden Euro gestiegen.

Die besten Sinn-Zitate „Die Krise ist ein Fass ohne Boden“

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Weshalb verzeichnete die Deutsche Bundesbank einen solchen Forderungszuwachs? Zeigte sich da geborstener Damm für bisher noch unbekannte Bailout-Zahlungen, die über die eben beschlossenen fiskalischen Rettungsschirme hinausgingen? Was stand hinter diesen Milliarden? Ein Rätsel. Die Ökonomen gingen auseinander, jeder seines Wegs. Nur Hans-Werner Sinn wollte es genauer wissen und recherchierte bei Bundesbank und Europäischer Zentralbank (EZB). Zunächst mit wenig Erfolg. „Ein reiner Verrechnungsposten“, hieß es dort. Doch Sinn entgegnete: Jeder Forderung müssen Schulden gegenüberstehen.

Mit der Zeit kam er auf den Punkt: Mittels Target2-Krediten finanzierten und finanzieren heute noch Periphere Euro-Zentralbanken Importe und Kapitalexporte ihrer Geschäftsbanken bzw. deren Kunden. Nicht nur Griechenland, auch Frankreich, Italien und Spanien gehören zu den Kreditnehmern und tragen zum Schuldenstand von derzeit über einer Billion Euro bei.

Allmählich setzt sich die Gewissheit durch: Zu den fiskalischen Hilfszahlungen im Rahmen der Rettungsschirme gesellen sich im Verhältnis 1:2 Kredite aus dem EZB Zahlungsverkehrssystem. Eine klamme nationale Zentralbank kann ihre Schulden einfach bei einer andern nationalen Zentralbank, insbesondere bei der Bundesbank, der größten nationalen Zentralbank, anschreiben lassen. Ein Ausgleich ist nicht erforderlich. Offensichtlich ein Konstruktionsfehler des Euro-Zahlungssystems, den die EZB nicht zugeben will.

  • 11.01.2013, 14:38 UhrErnst

    Die Forderungen der deutschen ZB gegen andere ZBs sind wirksam in der Bilanz und in der G+V-Rechnung. Jedenfalls ökonomisch gesehen.

    Die EZB ist so gesehen nur eine Zwischenstation, ein Verbindungsglied zwischen den EZBs der Staaten.

    Die EZBs mehrerer Staaten der Eurozone haben Euro produziert, indem sie Wertpapiere beliehen haben. Der Wert dieser Papiere ist das eigentliche Problem. Soweit Geld nur transferiert wurde, wurde weder die Geldschöpfung noch die damit verbundene Bewertung der Beleihungen (Sachwerte oder Sachtitel) dadurch berührt.

    Sicher hat der Saldo des Target II eine Bedeutung. Er zeigt, wie Geld von einem Staat zum anderen fließt. Aber er zeigt nicht, welche Bewegungen dahinter stehen. Weil es nur der Geldfluß ist, aber nicht der Fluß von Waren, Diensten oder auch Beleihungen.

    Jedoch genau dort liegt Gefahr oder auch Sicherheit. Da ja Waren und Dienste inerhalb der Zahlungsfristen als Ex- und Import ausgeglichen werden , erscheinen die Geldwerte dafür lediglich vorübergehend im Target II als Ungleichgewicht. ... Sofern Ex und Im gleichgewichtig sind.

    Sind sie aber nicht. Einige Euroländer liefern nicht entsprechend, daher sind sie im Minus. Die Geldbwegegungen aus Waren und Diensten zeigen es.

    Hinzu kommen nun Kreditierungen und reine Geldbewegungen. Erste produzieren noch mehr Geld, Zweite verschieben lediglich Geld von A nach B.

    All das beeinflusst den Target II - Saldo. Das Kernproblem sind die Werthaltigkeiten der Schuldner. Und ihre Unfähigkeit, das zu verkaufen, was sie einkaufen - in Geld gerechnet.

  • 11.10.2012, 17:33 UhrFrankrw

    Lieber ShiningRaven,
    dann erzähle doch mal was passiert, wenn diese Salden nicht ausgeglichen werden! Was sind sie dann? Uneiunbringliche Forderungen, oder? Und damit erhöhen sie das Kreditrisiko für uns zusätzlich zu dem was an faulen Staatspapieren die EZB kauft und was wir im ESM zugesagt haben, oder wird daus aufgerechnet?

  • 10.10.2012, 11:08 UhrShiningRaven

    Die Idee, die Target2-Salden zu beschränken, ist natürlich UnSinn, denn das würde zum sofortigen Zusammenbruch des Euro-Systems führen. Dann sind nämlich keine grenzüberschreitenden Zahlungen mehr möglich, auch wenn ich das entsprechende Geld auf meinem Konto habe, wenn die entsprechende Zahlungsposition meiner Nationalbank die Grenze erreicht hat.

    Obwohl ich z.B. als Grieche Geld auf meinem Konto habe, kann ich dann die Forderung eines Deutschen mir gegenüber damit nicht mehr begleichen, weil die Nationalbank die Zahlung nicht abwickeln kann. Das nützt meinem deutschen Gläubiger dann gerade gar nichts und ist daher kompletter UnSinn - mein privatwirtschaftlicher Gläubiger hätte nämlich lieber das Geld, statt die abstrakte Bilanzpositiion der Bundesbank zu verbessern. Auf jeden Fall wäre es das sofortige Ende des Euros, da man dann damit nicht mehr grenzüberschreitend zahlen könnte.

    Es ist auch nicht richtig, dass die EZB Kredite zum Zinssatz von 0,75% bereitstellen muss, "obwohl der Interbankenzinssatz vor Ort vielleicht ein Vielfaches beträgt." Wie soll das gehen? Durch ihre Einlagefazilität und den Diskontsatz bestimmt die EZB doch den Interbankenzinssatz! Und an welchem Ort sich eine international agierende Bank einen EZB-Kreidt holt, ist auch belanglos!

    Target2-Salden stellen eine gewisse Risikoposition dar, aber sie sind gerade keine Kredite! Der Kredit wird immer dann gewährt, wenn ein deutsches Unternehmen auf Rechnung etwas an Griechenland liefert - und dann natürlich das Risiko eines Zahlungsausfalls trägt. Wenn der Grieche dann die Rechnung bezahlt, ist dieses Risiko für das Unternehmen erledigt - gleichzeitig erhöht sich durch die internationale Abwicklung der Zahlung das Target2-Guthaben der Bundesbank um den entsprechenden Betrag. Das Risiko ist also vom Unternehmer auf die EZB übergegangen. Das ist erst einmal gut! Ohne das Target2-Guthaben könnte der Grieche nicht zahlen!

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