Schärfere Russland-Sanktionen

„Deutsche Unternehmen in der Zwickmühle“

In der Unternehmenswelt ist der Kalte Krieg wieder ausgebrochen. Deutsche Firmen stehen in Zeiten des Ukraine-Konflikts zwischen den Fronten. Vor allem die harten US-Sanktionen bringen sie in die Bredouille.
  • Konrad Walter
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Der Konflikt in der Ukraine wird immer unkontrollierbarer – auch für deutsche Unternehmen. Sie müssen jetzt Feingefühlt beweisen. Quelle: AFP

Der Konflikt in der Ukraine wird immer unkontrollierbarer – auch für deutsche Unternehmen. Sie müssen jetzt Feingefühlt beweisen.

(Foto: AFP)

Der Konflikt im Osten der Ukraine eskaliert. Die USA haben vergangene Woche ihre Sanktionen gegen Russland erheblich verschärft, die EU will bis Ende Juli nachziehen. Der Abschuss der malaysischen Passagiermaschine MH 17 könnte noch einmal zu schärferen Sanktionen führen. Hierüber will der EU-Außenministerrat morgen beraten. Die Sanktionen der USA und der EU sind jedoch nicht inhaltsgleich. Deutsche Unternehmen stehen daher vor erheblichen Problemen, wenn US-Behörden oder amerikanische Geschäftspartner verlangen, das US-Recht einzuhalten.

Die US-Sanktionen richten sich unter anderem gegen Rosneft, den größten russischen Erdölproduzenten. Die US-Sanktionen müssen nur von sogenannten US-persons beachtet werden. US-persons sind beispielsweise US-Bürger, Unternehmen mit Sitz in den USA oder Niederlassungen ausländischer Unternehmen in den USA. Deutsche Unternehmen ohne Bezug zu den USA sind grundsätzlich nicht an die US-Sanktionen gebunden. Sie sind keine US-persons. Die Geschäfte US-amerikanischer Geschäftspartner deutscher Unternehmen können durch die Sanktionen der USA gegen Russland aber betroffen sein. US-persons dürfen mit Rosneft unter anderem keine Finanzgeschäfte mehr abwickeln. Laut dem US-amerikanischen Office for Foreign Assets Control (OFAC) fallen darunter auch Stundungen für Zahlungsverpflichtungen in Verträgen.

Von Münzprägestempeln bis zum „Hochland-Käse“
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Siemens

Der deutsche Mischkonzern Siemens ist seit fast 160 Jahren in Russland aktiv. Angefangen hatte es in den 1850er-Jahren mit dem Bau eines Telegraphennetzes. Heute beschäftigt Siemens in Russland mehr als 3.000 Mitarbeiter und erwirtschaftet rund zwei Milliarden Euro Umsatz. Zu den Meilensteinen der jüngeren Vergangenheit gehört sicher der Zuschlag für den Bau von insgesamt acht Hochgeschwindigkeitszügen vom Typ Velaro, der in Russland unter dem Namen Sapsan fährt. Die Züge verbinden St. Petersburg, Moskau und Nischni Nowgorod.

huGO-BildID: 15737173 Russian workers assemble cars at the Volkswagen AG assembly plant in Kaluga, Russia, about 160 km (100 miles) southwest of Mosc
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Volkswagen

Die VW-Gruppe gehört zu den größten Investoren in der russischen Autoindustrie. Bisher sind 1,3 Milliarden Euro von Wolfsburg nach Russland geflossen, bis 2018 sollen weitere 1,2 Milliarden Euro folgen. Die „Volkswagen Group Rus“ setzte 2013 fast 300.000 Fahrzeuge ab, wovon 188.000 in dem Land gefertigt wurden. In Kaluga, rund 160 Kilometer südwestlich von Moskau, fertigt der Konzern seit 2007 eigene Modelle, unter anderem den Skoda Octavia. In Zusammenarbeit mit Gaz, dem größten russischen Autobauer, entstehen im Gaz-Werk in Nischni Nowgorod Modelle wie der Skoda Yeti oder der VW Jetta für den russischen Markt.

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Bosch

Erst Ende Februar 2014 legte Bosch den Grundstein für ein neues Werk in Samara an der Wolga. Bereits im kommenden Jahr soll dort Kfz-Technik gefertigt werden. In dem Werk sollen 500 Mitarbeiter beschäftigt werden. Wenn im zweiten Halbjahr 2014 die Produktion des derzeit im Bau befindlichen Thermotechnik-Werks in Engels anläuft, wird Bosch mit seinen vier Unternehmensbereichen Kraftfahrzeugtechnik, Industrietechnik, Gebrauchsgüter sowie Energie- und Gebäudetechnik in Russland vertreten sein. Das Unternehmen erwirtschaftete 2012 mit mehr als 3.000 Mitarbeitern rund eine Milliarde Euro auf dem russischen Markt.

Industrie bei Wachstum optimistischer als Regierung
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Knauf

Das fränkische Unternehmen Knauf gehört zu den weltgrößten Herstellern von Gipsplatten. Das Familienunternehmen betreibt 19 Werke in der Gemeinschaft unabhängiger Staaten einschließlich Russlands und beschäftigt dort mehr als 6.700 Mitarbeiter. 2011 steuerte die Region fast ein Fünftel zum Umsatz von 5,7 Milliarden Euro bei. Neben den Gewinnen zieht Knauf noch einen weiteren Nutzen aus dem Russland-Engagement: Die Auslandserfahrungen helfen dem Unternehmen bei der Expansion nach China, wo Knauf inzwischen vier Werke betreibt.

Hauptversammlung der Henkel AG
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Henkel

Trotz der Krim-Krise steht Henkel weiter zu seinen Werken in der Ukraine und Russland. „Man kann nicht sagen, ich gehe weg aus Russland und der Ukraine, weil es dort unruhig ist, und nach drei Jahren komme ich wieder – das geht nicht“, sagt Henkel-Chef Kasper Rorsted. In Russland ist das Unternehmen seit 1991 vertreten und beschäftigt rund 2.500 Menschen. In der Ukraine sind es etwa 1.000 Mitarbeiter, rund die Hälfte davon in der Region Kiew. Auch in Osteuropa setzt Henkel auf seine drei Geschäftsfelder Kosmetik, Waschmittel und Klebstoffe, unter anderem mit den auch hierzulande bekannten Marken Persil, Schauma oder Loctite.

Billa
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Rewe

In Russland ist die deutsche Supermarktkette Rewe durch Billa vertreten. Das Russland-Engagement ist mit einem Umsatz von mehr als 640 Millionen Euro der stärkste Auslandsmarkt für Rewe. „Der russische Markt ist für uns einer der Wachstumsmärkte, wo wir großes Potenzial sehen. Zumal vor allem der Großraum Moskau über eine hohe Kaufkraft verfügt“, erläutert Frank Hensel, Vorstandsvorsitzender der Rewe International AG.

CUSTOMER PASSES OVER PLASTIC BAG AT NEW METRO CASH AND CARRY SUPERMARKET IN MOSCOW
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Metro

2001 eröffnete Metro die ersten beiden Märkte in Moskau (Bild). Nach weiteren Eröffnungen im Umfeld der russischen Hauptstadt expandierte Metro in weitere Provinzen wie Rostow am Don oder Kransnodar. 2005 eröffnete der erste Real-Markt seine Pforten, ein Jahr später folgte der erste Media-Markt. Mit 117 Geschäften und 25.000 Beschäftigten zwischen Ostsee und Sibirien im Jahr 2012 ist der deutsche Handelskonzern innerhalb weniger Jahre zu einem bedeutenden Arbeitgeber aufgestiegen.

Die von der EU bereits beschlossenen Sanktionen und ihre für Ende Juli in Aussicht gestellte Verschärfung reichen weniger weit als die Sanktionen der USA. Wirtschaftssanktionen gegen Rosneft oder andere Unternehmen gibt es bislang nicht; lediglich natürliche Personen und einzelne Unternehmen auf der Krim sind derzeit sanktioniert. Hinzukommen sollen jetzt dem Vernehmen nach weitere russische Unternehmen, die zur Destabilisierung der Ukraine beitragen.

Unternehmen in Deutschland haben nur EU-Sanktionen zu beachten. Verstöße können zu Bußgeldern oder gar zu Strafverfahren führen. Problematisch wird es, wenn US-Behörden oder Geschäftspartner in den USA verlangen, dass ein deutsches Unternehmen sich auch an die US-Sanktionen hält. Die US-Behörden könnten mit Beschränkungen der Geschäftstätigkeit des deutschen Unternehmens in den USA drohen. Für das Iran-Embargo lässt das US-Recht dies bereits zu. Ob die USA ähnliche Schritte für die Sanktionen gegen Russland erwägen, muss genau beobachtet werden. Auch wenn die US-Behörden bei den Russland-Sanktionen nicht dieselbe scharfe Gangart einschlagen sollten, könnten US-Unternehmen verlangen, dass ihr deutscher Geschäftspartner keine Geschäfte mehr mit von den USA sanktionierten russischen Unternehmen macht. Sie könnten androhen, eine Geschäftsbeziehung zu kündigen, wenn ein deutsches Unternehmen nicht erklärt, das US-Recht zu beachten.

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  • Putin-Berater warnt vor Weltkrieg wegen Ukraine!

    Sergei Glasjew, Putins Berater für die eurasische Wirtschaftsintegration, warnt in einem eindringlichen Appell vor den Gefahren eines neuen Weltkriegs, der durch die Situation in der Ukraine ausgelöst werden könnte.

    Äußerst kritisch sieht Sergei Glasjew, Putins Berater für die eurasische Wirtschaftsintegration, die Entwicklungen in der Ukraine. Er bewertet die jetzige Regierung als korruptes Marionettensystem, welches von den USA / EU eingesetzt wurde. Die Ukraine sei deshalb ein von den USA okkupiertes Territorium.

    Die Menschen würden laut Glasjew gegen Russland indoktriniert und aufgestachelt. Die USA wollten zuerst einen Bürgerkrieg inszenieren, um dann zu einem Weltkrieg überzugehen, in dem ganz Europa und ganz Eurasien involviert werden soll.

    http://www.mmnews.de/index.php/politik/19157-putin-berater-warnt-vor-weltkrieg#14059518339562&if_height=11517

  • Was haben die USA bei Sanktionen zu verlieren?

    Der Umfang des jährlichen Handels zwischen der EU und Russland beträgt heute 330 Milliarden Dollar.

    Der amerikanisch-russische Handel nimmt sich dagegen mit nur 38 Milliarden Dollar mehr als bescheiden aus!


    http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/f-william-engdahl/das-deutsche-establishment-und-das-dilemma-von-buridans-esel.html;jsessionid=ED3241EA35E54C8F4BA66B83DD20C23D

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