Schwellenländer: Wir brauchen Industriepolitik

Schwellenländer
Wir brauchen Industriepolitik

Eines der bestgehüteten ökonomischen Geheimnisse wurde 2010 klar bestätigt. Die meisten Länder verfolgen, absichtlich oder nicht, eine Industriepolitik - auch solche, die gewöhnlich nicht mit einer derartigen Politik in Verbindung gebracht werden.
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Dies sollte uns nicht überraschen. Schließlich sind wirtschaftliche Entwicklung und nachhaltiges Wachstum das Ergebnis eines industriellen und technischen Wandels, der die Zusammenarbeit von öffentlichem und privatem Sektor erfordert. Historische Belege zeigen, dass in Ländern, die den Wandel von einer Agrarwirtschaft zur modernen Volkswirtschaft erfolgreich bewältigt haben - in Westeuropa, Nordamerika und, in jüngerer Zeit, in Ostasien -, die Regierungen zentrale Investitionen durch private Unternehmen, die dazu beitrugen, neue Industrien aufzubauen, koordiniert und häufig wegbereitenden Firmen selbst Anreize geboten haben.

Doch die Geschichte zeigt auch, dass die Regierungen fast aller Entwicklungsländer hier und da versucht haben, jene unterstützende Rolle zu spielen. Die meisten sind jedoch dabei gescheitert. Die Wirtschaftsgeschichte der ehemaligen Sowjetunion, Lateinamerikas, Afrikas und Asiens ist voll von ineffizienten öffentlichen Investitionen und fehlgeleiteten staatlichen Interventionen.

Dieses überall nachweisbare Versagen scheint überwiegend auf der Unfähigkeit der Regierungen zu beruhen, ihre Anstrengungen mit der Ressourcenbasis und dem Entwicklungsniveau ihrer Länder abzustimmen. Ihre Versuche, künftige "Sieger" zu identifizieren, führten deshalb häufig zur Auswahl von "Verlierern". Im Gegensatz dazu konzentrierten sich die Regierungen in vielen erfolgreichen Entwicklungsländern auf die Stärkung von Branchen, die in Ländern mit vergleichbaren Faktoren erfolgreich waren.

Dies zeigt: Eine staatliche Unterstützung mit dem Ziel der Stärkung und Diversifizierung von Branchen muss auf Vorhandenem aufbauen. So werden die privaten Unternehmen in diesen Branchen schnell im In- und Ausland konkurrenzfähig. Die Frage ist also, wie man konkurrenzfähige Branchen identifiziert und ihre Entwicklung politisch fördert.

In den entwickelten Ländern sind die meisten Branchen hoch entwickelt, was nahelegt, dass ihre Stärkung Innovationen erfordert. Hier könnten die Förderung der Grundlagenforschung und Patente zum Schutz erfolgreicher Innovationen helfen.

Für Entwicklungsländer haben Célestin Monga und ich vor kurzem einen Ansatz entwickelt, der helfen kann, die Erfolgswahrscheinlichkeit neuer Industrien zu erhöhen: Diese sollten Branchen mit handelbaren Gütern identifizieren, die in wachsenden Ländern mit ähnlichen Ressourcen und Fertigkeiten und einem Pro-Kopf-Einkommen, das etwa doppelt so hoch ist wie ihr eigenes, erfolgreich waren. Gibt es in diesen Sektoren bereits einheimische Privatunternehmen, sollte die Politik Hemmnisse, die die technische Entwicklung bremsen oder die den Markteintritt anderer Firmen verhindern, beseitigen. In Branchen, in denen es keine derartigen Unternehmen gibt, sollte die Politik ausländische Direktinvestitionen aus den schon erfolgreichen Ländern anlocken oder Programme zur Heranzüchtung neuer Firmen aufsetzen.

Die Regierung sollte zudem auf die Entwicklung neuer, konkurrenzfähiger Produkte durch private Unternehmen achten und die Verbreitung erfolgreicher Innovationen in neuen Branchen des privaten Sektors unterstützen. In Ländern mit einem schwach ausgeprägten Geschäftsumfeld können Sonderwirtschaftszonen oder Industrieparks den Markteinstieg von Unternehmen, ausländische Direktinvestitionen und die Bildung von Industrieclustern erleichtern. Und schließlich könnte die Regierung wegbereitenden Unternehmen in den neuen Branchen helfen, indem sie ihnen für einen begrenzten Zeitraum Steuererleichterungen gewährt, sich an der Finanzierung von Investitionen beteiligt oder ihnen den Zugriff auf Land oder Devisen ermöglicht.

Unser Ansatz bietet der Politik in Entwicklungsländern einen Rahmen, um den schwierigen Aufbau neuer, wettbewerbsfähiger Branchen in Angriff zu nehmen. Er hat das Potenzial, ein Wachstum des privaten Sektors zu bewirken, bei der Schaffung von Arbeitsplätzen zu helfen und die Bekämpfung der Armut zu fördern.

Nun, da die Volkswirtschaften weltweit darum kämpfen, 2011 ihr Wachstum aufrechtzuerhalten oder wieder herzustellen, dürfte die Industriepolitik mehr denn je in den Blickpunkt rücken. Mit dem richtigen Rahmen versehen, besteht kein Grund, sie weiter im Schatten stehen zu lassen.

Kommentare zu " Schwellenländer: Wir brauchen Industriepolitik"

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  • Andere Staaten, China und Singapur voran, machen industriepolitik. bei uns hingegen verlässt man sich auf die einschlägigen neoliberalen Rezepte. Ansonsten reicht es höchstens für Klientelpolitik. Damit meine ich nicht nur die Hotelierssteuer. Eine typische und besonders schädliche Einzelmaßnahme: bei dem unter Rot-Grün beschlossenen vierten Finanzmarktförderungsgesetz, zur angeblichen Stärkung des Finanzstandortes Deutschland, ist man bereitwillig den Einflüsterungen des Finanzsektors auf den Leim gegangen. Einer Minorität, mit kurzem Draht zur Politik, ist es, wie so häufig, gelungen ihre egoistischen Wünsche, im Namen des Allgemeinwohls, gegen die interessen der großen Mehrheit, sowohl der bürger wie auch der Wirtschaftsunternehmen (!), durchzusetzen. Das Gesetz erlaubte erst den Derivatehandel im immobiliengeschäft, der iKb, Commerzbank, HRE und den Landesbanken zum Verhängnis wurde. Es hat dem Steuerzahler unermesslichen Schaden zufügte und die Handlungsfähigkeit des Staates drastisch eingeschränkt. ideologiefreie Analyse und die Formulierung eigener, vom angelsächsischen Mainstream unabhängiger, theoretischer Konzepte zur Wirtschaftsentwicklung finden bei uns weiterhin nicht statt.

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