Streitschrift zur Kartellamtsentscheidung
Bundesliga-Vermarktung: Bloß nicht übertreiben

Nach der jüngsten Kartellamtsentscheidungs fordert Gastautor Justus Haucap eine Vermarktung der Bundesliga-TV-Rechte abseits der Zentralvermarktung. In der Debatte plädiert er für einen kühlen Kopf. Dabei ist Haucap nicht nur Vorsitzender der Monopolkommission und Professor für Wirtschaftspolitik - sondern auch leidenschaftlicher St.Pauli-Fan.
  • 0

Nur wenige Entscheidungen des Bundeskartellamtes haben in den letzten Jahren eine solche Aufmerksamkeit erfahren und ein solches (und ein solche geteiltes) Medienecho hervorgerufen wie die jüngste Entscheidung zur Zentralvermarktung der Bundesliga-TV-Rechte. Die Ursachen dafür sind sicher vielfältig: das Sommerloch, die Vorgeschichte des Falles inklusive der Zwangsversetzung des zuständigen Kartellbeamten und die Tatsache, das Fußball für viele Deutsche eben eine Herzensangelegenheit ist. Etwas mehr kühler Kopf wäre dabei in der Diskussion oft ganz angebracht, denn oft sieht man doch nur mit den Augen gut, während die wesentlichen Dinge für das Herz unsichtbar bleiben.

Viele haben die Entscheidung des Bundeskartellamtes - oft heißblütig - kritisiert: Den einen ging sie nicht weit genug, die anderen sahen gar den Niedergang der Bundesliga zu einer international drittklassigen Staffel durch die Kartellamtsentscheidung ausgelöst. Beide Perspektiven sind wohl zu einseitig - aber eine gewisse Unbeirrbarkeit gehört ja zum Fußballfansein dazu.

Die Kritiker auf der einen Seite wünschen, dass die Bundesliga die TV-Rechte nach ihrem Gutdünken zentral und profitmaximierend vermarkten darf. Die Kritikpunkte am Bundeskartellamt sind ganz unterschiedlicher Natur und auch von verschiedener Qualität: Das wohl simpelste und auch schwächste Argument ist, dass die Bundesliga nur und einzig und allein im Falle der unregulierten Zentralvermarktung einen Finanzausgleich zu Gunsten der finanzschwachen Vereine (wie Energie Cottbus) sicherstellen könne. Das ist natürlich völliger Humbug, und das wissen auch alle Experten. Das Bundeskartellamt hat schon 1998 öffentlich verlautbaren lassen, dass es prinzipiell keine Einwände gegen einen solchen Finanzausgleich unter den Vereinen habe.

Ein Finanzausgleich muss also keineswegs mit der Zentralvermarktung verbunden werden. Am besten wäre eine von der DFL erhobene Solidarabgabe, die entweder auf alle Einnahmen oder auf alle Ausgaben eines Vereins erhoben wird und dann in einen Ausgleichsfonds fließt, der die finanzschwachen Vereine unterstützt und so die Attraktivität des sportlichen Wettbewerbs sicherstellt (denn natürlich schießt Geld eben doch Tore). Der Vorteil eines solchen Systems wäre auch, das systematisch auch die Ungleichheiten bei Sponsoring, Merchandising, Trikot- und Bandenwerbung sowie Ticketverkäufen berücksichtigt werden können, denn die sind ja auch alle höchst ungleich zwischen den Vereinen verteilt.

Das zweite Argument ist, dass der DFL nun statt wie geplant 500 Millionen Euro nur etwa 420 Millionen Euro (wie bisher) aus der Vermarktung zufließen und daher die internationale Wettbewerbsfähigkeit leide. Dieses Argument ist grotesk übertrieben. Erstens müssen diesen potenziellen 80 Millionen Euro Mehreinnahmen, die Pay-TV-Sender aufgrund der späteren und geringeren Berichterstattung im Free-TV gezahlt hätten, Mindereinnahmen bei Trikot- und Bandenwerbung aufgrund der geringeren TV-Präsenz gegen gerechnet werden. Zweitens bekommen Spitzenvereine wie Bayern München nur einen kleinen Teil dieser 80 Millionen Euro - und davon lässt ich noch längst nicht auch nur annähernd zu Chelsea oder Real Madrid aufschließen.

Seite 1:

Bundesliga-Vermarktung: Bloß nicht übertreiben

Seite 2:

Kommentare zu " Streitschrift zur Kartellamtsentscheidung: Bundesliga-Vermarktung: Bloß nicht übertreiben"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%