Wahlkampf-Kolumne
Copyright by Opposition

In Wahlzeiten haben Versprechungen Hochkunjunktur – und Versprecher. Die öffnen unserem Kolumnisten Hans Hütt den Blick hinter die Kulisse von Wahlplakaten und Politikerreden.
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Wenn der Mann redet, lässt er gern offen, ob da noch die Großmutter oder schon der Wolf im Bett liegt. Die Selbstkontrolle ist offenkundig, das Spiel mit den Ambivalenzen kalkuliert, die Pointen gesetzt. Der bremische Bürgersohn pflegt sein temperiertes Wolfsbild. Für Konservative ist Jürgen Trittin der grüne Gottseibeiuns. Er hat sich diesen Ruf erarbeitet. In der ihm entgegengebrachten Abneigung schwingt respektvolle Anerkennung. In Bayern würde man ihn "oa Hund" nennen, ohne Beleidigungsklagen befürchten zu müssen.

Als Frank-Walter Steinmeier seinen Deutschlandplan vorstellt, ist Jürgen Trittin fix zur Stelle mit der Schelte, der Sozialdemokrat betreibe Produktpiraterie, habe quasi bei den Grünen abgeschrieben. Herr Trittin ist später bei Interviews vorsichtiger und wiederholt diesen Vorwurf nicht. Aus gutem Grund.

Die Grünen sind nicht Opfer einer Produktpiraterie, sondern eines politischen Erfolgs im Reich der (deutschen) Mitte. Das Copyright auf grüne Ideen einzuklagen, wirkt albern. Ihr "Mainstreaming" hat funktioniert. Kein Parteiprogramm verzichtet auf grünen Faden. Daraus ließen sich neue politische Verbindungen knüpfen (schweigen wir von Schnittmengen). Aber so selbstversessen, wie die Günen ihre Ideen mit Copyright versehen, so selbstvergessen begrenzen sie ihre politischen Bündnisoptionen.

Die Paradoxie dieser Beobachtung: Die grünen Bürgerkinder scheuen ihre Herkunft wie ihre Zukunft. Das sind die zwei Seiten einer Medaille.

In ihrem Wahlprogramm (das mit 224 Seiten bei weitem umfangreichste) plädieren sie für einen New Green Deal und einen neuen Gesellschaftsvertrag, weil der bisherige gesellschaftliche Konsens aufgekündigt worden sei. Hinter dem Horizont des langweiligen Wahlkampfes lauern harte Entscheidungen, über die kein Wahlkämpfer spricht. Es könnte sein, dass die Grünen mit ihrem Befund dann richtig liegen.

Für einen in freiwilliger Übereinkunft zustande kommenden Vertrag brauchen sie aber Partner - und Mehrheiten. Mit Copyright-Vermerken bleiben sie bloß rechthaberische Opposition. Das ist bekanntlich Mist.

Hans Hütt, geboren 1953, ist Publizist und Rhetoriktrainer in Berlin. Von 1990 bis 2002 hat er als Strategischer Planer für namhafte Agenturen in Frankfurt, London und Berlin gearbeitet. Von 1996 bis 1999 war er Geschäftsführer der Schader-Stiftung in Darmstadt. Zum Amtsantritt des amerikanischen Präsidenten hat Hans Hütt den Rhetorik-Blog www.reden-fuer-eine-neue-welt.de begonnen.

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