Wahlkampf-Kolumne
Parole Schonvermögen

In Wahlzeiten haben Versprechungen Hochkunjunktur – und Versprecher. Die öffnen unserem Kolumnisten Hans Hütt den Blick hinter die Kulisse des FDP-Schlagworts Schonvermögen.
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Schließlich beendet der Premier sein Gespräch mit den Journalisten. Ein langer Tag liegt hinter ihm. Das nimmt mitunter auch den Sitz der Dienstkleidung eines Premierministers Ihrer Majestät in Mitleidenschaft. John Major steckt sein Oberhemd in die Unterhose.

Der Mann hat damit Kunst- und Literaturgeschichte geschrieben. Kein Karikaturist hat darauf verzichtet, dem Abbild John Majors eine riesige Unterhose über die Pinstripes zu ziehen. Joanne K. Rowlings´ Figur des Hauselfen Dobby scheint dem Premier nachgebildet.

So landen wir bei Guido Westerwelle, dessen Bekleidung natürlich immer tadellos ist und so gut wie nie Gegenstand politischen Räsonnements geworden ist. Die Schuhsohlen mit der 18 sind verjährt. Nicht aber seine Niedertreter, das sind Hausschuhe ohne feste Kappen, die hinten niedergetreten werden können.

Ob der FDP-Vorsitzende tatsächlich seine Niedertreter trägt, als er mit Angela Merkel und Edmund Stoiber im März 2003 zu Lasten seines Parteifreundes Wolfgang Gerhardt die Kandidatur Horst Köhlers verabredet, können wir getrost im Charlottenburger Dunkeln lassen.

Westerwelles Niedertreter passen als Symbol gut in das Bild einer Wahlkampagne, mit der die FDP als Funktionspartei nach elf Jahren Opposition wieder an die Macht schleichen will. Was dieses Ziel gefährdet, tritt sie nieder. "Parasitäre Publizität" der CSU zum Beispiel. Ein starkes Wort, wenn man sieht, aus welchen Wählerwanderungen die FDP auf 15 Prozent kommt.

Oder das kalte soziale Image der FDP als Einpunktpartei. Das hat Guido Westerwelle mit Interviews zum Thema Schonvermögen niedertreten wollen. Die FDP will anrechenbares Schonvermögen auf 750 Euro pro Lebensjahr anheben. Wer als 20-Jähriger 15 000 Euro oder als 60-Jähriger 45 000 Euro auf dem Konto hat, soll dieses Schonvermögen behalten dürfen, ohne dass Leistungen nach Hartz IV gemindert werden. Jeder Bundesbürger sparte im Jahr 2008 nach Angaben des Statistischen Bundesamts durchschnittlich übrigens um die 2 100 Euro.

Die FDP-Spendierhosen spielen kommunizierende Röhren. Sie wollen verhindern, dass die Damen und Herren ohne Schonvermögen als Rentner den Haushalt belasten. Es bleibt zu entscheiden, aus welchen Einnahmen Schulden getilgt, Zukunftsinvestitionen und Sozialausgaben finanziert werden sollen.

Die Parole "Schonvermögen" schont Vermögen. Woanders.

Hans Hütt, geboren 1953, ist Publizist und Rhetoriktrainer in Berlin. Von 1990 bis 2002 hat er als Strategischer Planer für namhafte Agenturen in Frankfurt, London und Berlin gearbeitet. Von 1996 bis 1999 war er Geschäftsführer der Schader-Stiftung in Darmstadt. Zum Amtsantritt des amerikanischen Präsidenten hat Hans Hütt den Rhetorik-Blog www.reden-fuer-eine-neue-welt.de begonnen.

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