Wahlkampf-Kolumne
Versprecher im Valium-Wahlkampf

Unser Kolumnist zieht Wahlkampf-Bilanz: Eine Woche vor der Wahl sind über 40 Prozent der Wähler unentschlossen, wem sie ihre Stimme geben. Das ist ein gutes Zeichen. Die Geduld des Souveräns kann sich bezahlt machen.
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Die Nerven zucken, liegen blank. Eine Woche vor der Wahl sind über 40 Prozent der Wähler unentschlossen, wem sie ihre Stimme geben. Das ist ein gutes Zeichen. Die Geduld des Souveräns macht sich bezahlt. Wären wir auf einem Markt, kippten nun die Preise.

Die Ware der Versprecher ist verderblich wie die der Marktschreier. Wer wüsste das besser als Horst Seehofer? Sofortprogramme sind seine Spezialdisziplin. Sie wirken wie Zaubertrank: augenblicklich, postwendend, schnurstracks, spornstreichs, unverzüglich. Sie sind fällig, wenn die Hütte in Flammen steht oder Gammelfleisch in den Handel gelangt, sie haben fast immer zehn Punkte - und nach 100 Tagen ist alles vorbei.

Das könnte tröstlich sein, wäre es nicht so komisch wie verlogen. Dieser Wahlkampf fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. Was mit Kuschelkurs, Wattewolken und Valium begann, führt nun in die Notaufnahme. Das Bühnenbild ist ramponiert. Der blaue Himmel über dem Land der Plakate zerreißt. Kein Wunder. Das Land kann tatsächlich mehr, es kann tatsächlich besser – die Dinge beim Namen nennen als seine Wahlkämpfer.

Der eine will nicht den Doofmann spielen, der andere nicht den Spielverderber geben. Wie sieht aber die Lage aus, wenn ein Satz wie "Liebgewonnenes müsse auf den Prüfstand" erstmals in diesem Wahlkampf Tatsachen ins Auge fasst? Der Bundeswirtschaftsminister redet ja nicht vom Schoßhund und der Waldoma.

Die Lage war noch nie so ernst. Dieses Adenauerzitat steht auf dem Index der Kanzlerin, noch für vier Tage. Es sieht so aus, als ob - nicht erst im Wahlkampf - der politischen Klasse ihre Sprache abhanden kommt, der Mut, sie so zu gebrauchen, wie es die Lage gebietet. Nicht Billionen-Schulden sind das Problem. Auch nicht die riesigen Haushaltsdefizite. Das Arsenal der politischen Sprache ist leer. Im Kampf mit der Wirklichkeit bewährte Flinten und Finten produzieren nur noch Rohrkrepierer. Millionen von Menschen in diesem Land verstehen einen Satz wie "Leistung muss sich lohnen" als persönliche Verhöhnung.

Es ist nicht damit getan, am 28. September die Plakate zu entsorgen und die Sprüche zu vergessen. Die Diskussion um Legitimationsdefizite einer neuen Regierung infolge von Überhangmandaten wirkt fast rührend angesichts des politischen Sprachverlusts. Andersens Märchen klärt den Blick: Des Kaisers neue Kleider sind die leeren Worte.

Sie fliegen uns um die Ohren.

Hans Hütt, geboren 1953, ist Publizist und Rhetoriktrainer in Berlin. Von 1990 bis 2002 hat er als Strategischer Planer für namhafte Agenturen in Frankfurt, London und Berlin gearbeitet. Von 1996 bis 1999 war er Geschäftsführer der Schader-Stiftung in Darmstadt. Zum Amtsantritt des amerikanischen Präsidenten hat Hans Hütt den Rhetorik-Blog www.reden-fuer-eine-neue-welt.de begonnen.

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