Wahlkampf-Kolumne
Was Oper und Politik gemeinsam haben

In Wahlzeiten haben Versprechungen Hochkunjunktur – und Versprecher. Die öffnen unserem Kolumnisten Hans Hütt den Blick hinter die Dramaturgie von Wahlauftritten wie Angela Merkels Fahrt mit dem Rheingold-Express und deren Parallelen mit Wagner-Opern.
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"Wie alles war - weiß ich; wie alles wird, wie alles sein wird, seh' ich auch", singt Erda. "Alles was ist, endet", warnt sie Wotan. Fast auf den Tag 140 Jahre nach der Münchner Uraufführung zelebriert Angela Merkel mit ihrer Fahrt im Rheingoldexpress ein anderes Jubiläum. Am 15. September 1949 wird Konrad Adenauer zum Bundeskanzler gewählt. In diesen Tagen steckt aber mehr Rheingold.

Im Es-Dur-Blechbläser-Vorspiel zum Bilderreigen gibt Angela Merkel die "Regierungserklärung zu den aktuellen Ereignissen in Afghanistan". "Die Folgen von Nichthandeln", sagt sie, "werden uns genauso zugerechnet wie die Folgen von Handeln". So klingt Göttin Frickas Vernunft im Binsenkleid, mit dem leisen Echo eines Orakels. Denn was immer Frau Merkel tut oder lässt, hat auch in diesem Wahlkampf Folgen, die ihr zugerechnet werden. Kühn und zum Verdruss ihrer Parteifreunde setzt sie auf Bilder und kaum auf Argumente. Die Bilder verfügen über eigensinnige Macht, unterwerfen sich nicht einer Regie, die bloß 60 Jahre zurückschaut. Damals lag das Land in Trümmern. Nun droht die Krise mit Rückkehr.

Die erste Szene unseres Wahlkampf-Rheingolds geben Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier als Wotan und Fricka im Kandidaten-Duett. Am Horizont winkt die Götterburg des Kanzleramts. Die Vernunft treibt die Götter zusammen wie aus einander. Als Preis winkt Altern unter der Bürde der Macht. Freia, die Göttin der Jugend und für uns auch Göttin der Freiheit, taucht nur wie aus der Ferne auf. Sie den Riesen zu geben, scheint beschlossene Sache. Loge, der listige Halbgott des Feuers, ist mit dem Freiherrn zu Guttenberg besetzt. Bei Verträgen, die ihm nicht passen, sinnt er auf Abhilfe, statt das Weite zu suchen. Der Akt endet beklemmend: Ohne Ausweg in Sicht, zur Vertragstreue entschlossen, repetieren die Götter ihre alten Sprüche. Ein unwürdiger Anblick. Im Parkett tobt das Publikum über die miserable Regie.

Die zweite Szene führt uns in dramatischer Verwirrung der Gefühle (und des ehrwürdigen Festspiels) zu den Rheintöchtern und Zwerg Alberich. Ihre Rollen sind mit Lafontaine, Trittin und Westerwelle besetzt. Das "Weia Waga" lautet am Montag: "Was ich hab, mag ich nicht, und was ich mag, krieg ich nicht." Verdruss prägt die Szene. Von Liebe zu einander kann wahrhaftig nicht die Rede sein. Dass sie den Schlüssel zur Macht bewachen, verdrießt diese schrägen Rheintöchter, statt mit neuen Gedanken zu spielen, wie sie die Zeit auf den Plan ruft. Verführung? Böhmisches Fremdwort. Führung? Nur mit der Nebelkerze. Als vierte kleine Partei in der Runde fehlt an dem Abend Horst Seehofers CSU. Deshalb üben sich Rheintöchter und Zwerg in flinkem Rollentausch. Mal keck kokettierend, mal nornenhaft düsteres Ende beschwörend. Nach manch erstaunlich vernünftigen Argumenten (die Rheintöchter sind schließlich erwachsen) kehrt Lafontaine den Bösewicht hervor, entsagt der Liebe, weil in Acht und Bann getan, und greift nach dem Gold. Dieser Zwerg bleibt seiner alten Rolle treu. Wir wissen, wie ihm die Macht in der Hand zerrinnt.

Die dritte Szene zieht sich als Jagd nach dem Tarnhelm in die Länge. Der Nibelungenschmied Mime wird alternierend von Dirk Niebel und Bodo Ramelow gegeben. Sie stehen am Rand des Geschehens, als Parteisoldaten Handwerker und Wegbereiter für ihre Herren, wohin auch immer der Weg diese schließlich führen wird. Die Grünen scheinen in diesem Akt nicht vorzukommen. Nicht mehr Zwerge und gottlob nicht Riesen zu sein, vergönnt ihnen einen Platz im Abseits unentwegten Dribbelns und Toreschießens. Ihre Punkte zählen nicht. So sieht circensische Ohnmacht aus. Sportlich, spurtstark, im Selbstzweck verloren.

Tarnen, Tricksen, Täuschen - dabei auch in den Büschen sitzen, das ist der Fortschritt dieses Akts. Wir atmen tiefe Vergeblichkeit. Götter, Riesen und Zwerge setzen die Instrumente der Macht weiter absolut, statt eine Idee davon zu entwickeln, wozu sie schließlich gut sein kann, in welcher Teilung, in welcher Rekombination der Kräfte sie zum Erfolg führt. Wir erleben den Akt als Maestoso auf der Zielgeraden. Sehnsuchtsseufzer erklingen aus Orchestergraben und Parkett.

Die vierte Szene steht noch aus. Das Publikum scheint nicht mehr so verwirrt wie zu Beginn. Die Macht liegt nun in seinen Händen. Der Souverän ist klug genug, nicht nach dem Rheingold zu greifen.

Ihm stehen die Folgen des Handelns wie des Nichthandelns vor Augen.

Hans Hütt, geboren 1953, ist Publizist und Rhetoriktrainer in Berlin. Von 1990 bis 2002 hat er als Strategischer Planer für namhafte Agenturen in Frankfurt, London und Berlin gearbeitet. Von 1996 bis 1999 war er Geschäftsführer der Schader-Stiftung in Darmstadt. Zum Amtsantritt des amerikanischen Präsidenten hat Hans Hütt den Rhetorik-Blog www.reden-fuer-eine-neue-welt.de begonnen.

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