Wahlkampf-Kolumne
Wilde Zünglein

In Wahlzeiten haben Versprechungen Hochkunjunktur – und Versprecher. Die öffnen unserem Kolumnisten Hans Hütt den Blick hinter die Dramaturgie von Wahlabenden und den viel beschworenen Politikwechsel.
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Dieser Wahlsonntag - was für ein seltsamer Abend. Aufgekratzte Verlierer, konsternierte Gewinner, wilde Zünglein an ungeeichten Waagen. Als wäre an diesem Abend der Durcheinanderwürfler in die Leute gefahren. Wie immer in solchen Fällen steckt der Teufel dann im Detail.

Sie rufen zu ihm auf, rufen ihn aus, wollen ihn herbeiführen, einläuten, organisieren, davon profitieren, ihn notfalls erzwingen. Manchmal kommt er einfach. Auf jeden Fall soll er grundlegend, radikal, wirklich, mutig und echt sein. Weil er überfällig, notwendig und so lange schon angestrebt sei. Das Land habe ihn schließlich verdient. Es könne mehr. Es verlange danach. Es brauche ihn. 50 Prozent reichen nicht. Man trägt gern Sorge dafür, ihn hundertprozentig anstreben zu wollen.

Ohne Partner aber wird nichts aus ihm.

Bei den Enttäuschten sind es immer die anderen, die ihn versäumen oder versaubeuteln. Das Wort scheint die Kraft zu besitzen, Damen und Herren in Frenesie zu versetzen. Sie reden dann wie in Zungen und mit leuchtenden Augen, zum Beispiel vom Aufbruch in eine soziale Moderne. Tritt er tatsächlich ein, besagt die Legende, gewinnen die Bürger über Nacht wieder Vertrauen in die Zukunft, investieren - oder suchen das Weite.

Man erhofft sich viel von ihm: in der Viehhaltung, beim Verkauf von Oberklasselimousinen, für die fußkranken Verlierer der Modernisierung.

Der eine hält dafür 80-minütige Reden. Der andere wird nicht müde, genau so lang davor zu warnen. Man setzt dafür Zeichen und Signale. Tritt er nicht ein, geht's abwärts mit dem Land. Wer ihn wirklich organisieren wolle, habe dann auch Guido Westerwelles oder Oskar Lafontaines Telefonnummer.

Oft bleibt indes unklar, wer ihn in Berlin übersteht. Der Politikwechsel aber, egal unter welchen Farben, ist tatsächlich nichts anderes als der Eintritt in ein bestehendes Schuldverhältnis. Das setzt dem Wechsel die Grenzen.

Die Wähler lassen sich schließlich nichts vormachen.

Hans Hütt, geboren 1953, ist Publizist und Rhetoriktrainer in Berlin. Von 1990 bis 2002 hat er als Strategischer Planer für namhafte Agenturen in Frankfurt, London und Berlin gearbeitet. Von 1996 bis 1999 war er Geschäftsführer der Schader-Stiftung in Darmstadt. Zum Amtsantritt des amerikanischen Präsidenten hat Hans Hütt den Rhetorik-Blog www.reden-fuer-eine-neue-welt.de begonnen.

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