Wahlkampf-Kolumne
Wir brauchen ein klares Bild der Lage

In Wahlzeiten haben Versprechungen Hochkunjunktur – und Versprecher. Die öffnen unserem Kolumnisten Hans Hütt den Blick hinter die Dramaturgie von Wahlabenden und hinter die Warnung vor unklaren Verhältnissen.
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Wir befinden uns in der heißen Phase des Wahlkampfs. Die darf durchaus noch etwas heißer werden, wenn das der Wahrheitsfindung dient. Wahrheit und Klarheit, was für ehrwürdige Begriffe! Jeder Buchhalter weiß, was darunter zu verstehen ist. In der Politik nimmt man das nicht so genau. Umso neugieriger macht die Warnung der Bundeskanzlerin vor unklaren Verhältnissen.

Das ist verständlich – und wäre plausibler, wenn die deutschen Wahlkämpfer ein klares Bild von dem Tal der Krise zeichneten, aus dem sie das Land heraus führen wollen. Alle aber warnen sie lieber vor der Zukunft – gleich welcher Farbkombination. Der Aufwand ist vermeidbar. Aus Pappkameraden werden keine Schreckgespenster.

Das Bild, das die Wahlkämpfer von dem Land zeichnen, zeigt ein Tal in tiefem Nebel. Man fährt auf Sicht. Das klingt glaubwürdig – und könnte doch präziser sein, wenn man hinzu fügte, was aus dem Nebel in den Blick gelangt. Wir sehen am Beispiel des amerikanischen Präsidenten, wie ein Politiker sein Land darauf einstimmt, Lebenslügen zu überwinden. Seit dem Amtsantritt lenkt Barack Obama den Blick der Amerikaner auf zerkrümelnde Straßen, Brücken, Deiche, die außer Rand und Band geratene Finanzwirtschaft, marode Schulen, die prekäre Energieversorgung, explodierende Gesundheitskosten. Obama appelliert zugleich an die Tatkraft der Amerikaner. Die kann sich bekanntlich sehen lassen.

Zurück nach Deutschland. Der Blick außen stehender Beobachter auf das Tal im Nebel scheint sehr viel klarer. Sie sprechen von der ökonomischen Unwucht der Ausfuhrüberschüsse. Sie sprechen von dem drohenden Double Dip einer zurückkehrenden Rezession. Sie erinnern an toxische Papiere im nominellen Wert von bis zu 800 Mrd. € in den Bilanzen deutscher Banken. Sie erinnern an Überkapazitäten, die auch durch Kurzarbeit nicht konserviert werden können. Sie zeigen, dass die Bildungsrepublik unter ferner liefen rangiert, wegen der vielen Schulabbrecher, wegen zu wenig Studierender. Sie sprechen davon, dass Chinesen und Amerikaner bei Zukunftstechnologien an Deutschland vorbeiziehen könnten. Sie sprechen davon, dass sich das Land im Krieg befindet, was die politische Klasse nicht wagt einzugestehen.

Beim Kampf gegen den Schweinegrippevirus wollen sie nicht fackeln. Gegen den unverstellten Blick auf die wirtschaftliche Realität aber gibt es trotz Wattewahlkampfes keinen Impfstoff. Unklare Verhältnisse vermeidet, wer die Herausforderungen in den Blick rückt.

Alles andere wäre vertane Zeit – mit programmiertem Katzenjammer.

Hans Hütt, geboren 1953, ist Publizist und Rhetoriktrainer in Berlin. Von 1990 bis 2002 hat er als Strategischer Planer für namhafte Agenturen in Frankfurt, London und Berlin gearbeitet. Von 1996 bis 1999 war er Geschäftsführer der Schader-Stiftung in Darmstadt. Zum Amtsantritt des amerikanischen Präsidenten hat Hans Hütt den Rhetorik-Blog www.reden-fuer-eine-neue-welt.de begonnen.

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