Wahlkampf-Kolumne
Wovon Steinmeier fest überzeugt ist

In Wahlzeiten haben Versprechungen Hochkunjunktur – und Versprecher. Die öffnen unserem Kolumnisten Hans Hütt den Blick hinter die Kulisse bei einem Auftritt des SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier.
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Der Kandidat hat keinen leichten Stand neben dem großen Bären. Die Ziele von Frank-Walter Steinmeiers Grundsatzrede scheinen klar, noch bevor sie gehalten ist. Die Kritik der Konkurrenten wirkt erstaunlich. Wollen sie kleinere Brötchen backen? Oder verfolgen sie ehrgeizigere Ziele? Beides bleibt im Dunkeln. Da aber ist bloß gut munkeln.

Ein Eindruck bleibt: Da redet kein Wahlkämpfer. Die Grundsatzrede wirkt wie die notarielle Verlesung eines GmbH-Vertrags, dem noch vor Gründung die Gesellschafter abhandenkommen. Es gibt nicht mal die Gelegenheit zu einer Paraphe, obwohl das die Bündnisfähigkeit der deutschen Sozialdemokratie doch hätte deutlich machen können.

Wie immer in der Welt des Redens gilt auch an diesem schwülen Berliner Sommerabend das gesprochene Wort. Eines davon gebraucht der Kandidat sehr viel häufiger, als es in seinem Manuskript steht: „Ich bin fest davon überzeugt“…oder auch: „Das ist meine tiefe und feste Überzeugung.“ Walter Benjamins Aphorismus (aus "Einbahnstraße") kommt in Erinnerung. Unter dem Titel "Für Männer" notiert Benjamin: "Überzeugen ist unfruchtbar."

One man - one way - so sieht das an diesem Abend aus, wenn bloß die Richtung klarer wäre. Der Abschied seines Mentors kommt in Erinnerung, als der Spielzug der Bundeswehr Frank Sinatras "My Way" spielt. Der Kandidat hält seine Rede auf einer Veranstaltung der Karl Schiller Stiftung. Ihr Namensgeber ist der SPD für acht Jahre abhanden gekommen und steht im Rückblick wie kaum ein Zweiter für die Politik einer anderen Großen Koalition. Ist das die Kontinuität, für die Steinmeier antritt, ohne es auszusprechen? Dann wäre er mutiger, als es seine Partei erlaubt.

Wie kommt es, dass ein integrer, politisch erfahrener und kluger Mann da vorne neben dem Stadthaus-Bären wie auf verlorenem Posten steht? Weil er davon redet, was in zehn Jahren sein soll, dabei aber offen lässt, wie es nächstes Jahr in Deutschland aussieht?

Auf diese Frage hüllt sich auch die Konkurrenz in tiefes Schweigen. Übrigens hält Steinmeier diese Rede fast auf den Tag genau sieben Jahre nach dem Auftritt von Peter Hartz im Französischen Dom. Manche Analytiker halten dieses Datum für die Wende im Wahlkampf von 2002. Der Architekt der Agenda 2010 spricht an diesem Abend von seiner Agenda 2020, ohne das Wort zu gebrauchen. Der Mut hätte ihm gut zu Gesicht gestanden.

Ein Bild durchzieht die Grundsatzrede, das andere Politiker in Tore verwandelt hätten. Es gehe um einen Neustart der Sozialen Marktwirtschaft, sagt Steinmeier. Ein Neustart folgt einem Systemabsturz. Wer danach zu den alten Regeln zurückkehren will, hat ein Problem. Steinmeier lässt sich die Torchance entgehen.

Er redet an diesem Abend davon, wovon er fest überzeugt ist. Die Mimik seines Parteichefs in der ersten Reihe sagt: Das reicht nicht.

Hans Hütt, geboren 1953, ist Publizist und Rhetoriktrainer in Berlin. Von 1990 bis 2002 hat er als Strategischer Planer für namhafte Agenturen in Frankfurt, London und Berlin gearbeitet. Von 1996 bis 1999 war er Geschäftsführer der Schader-Stiftung in Darmstadt. Zum Amtsantritt des amerikanischen Präsidenten hat Hans Hütt den Rhetorik-Blog www.reden-fuer-eine-neue-welt.de begonnen.

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