Wolfgang Reitzle über die Bürgerversicherung
Keine Einheitskasse!

Die von der SPD geforderte Bürgerversicherung ist die falsche Lösung, sagt Top-Manager Wolfgang Reitzle. Warum es mit der Einheitskasse zu einem Absinken des Niveaus der Gesundheitsversorgung in Deutschland für alle käme. Ein Gastbeitrag.
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Kaum waren die Jamaika-Sondierungen beendet und tauchte eine Neuauflage der Großen Koalition am Horizont auf, da witterte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Karl Lauterbach, die einzigartige Chance, seinen missionarisch verfolgten Lebenstraum doch noch zu verwirklichen: Er forderte die Abschaffung der sogenannten „Zwei-Klassen Medizin“ und die Einführung einer „Bürgerversicherung“, also einer Einheitskasse für alle.

Aus Gerechtigkeitsgründen, so seine Argumentation, müsse Schluss sein mit der Bevorzugung der Privatversicherten, insbesondere bei den Wartezeiten in der Arztpraxis. Auch die Honorarordnung für Ärzte könne vereinheitlicht werden. So solle Ärzten untersagt werden, für die Behandlung von Privatpatienten höhere Honorare abzurechnen. Dabei hat Deutschland heute nicht nur eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, auch die Wartezeiten für Kassenpatienten sind mit die kürzesten in der EU.

Interessanterweise wird die Einführung einer Bürgerversicherung nicht etwa mit einer Verbesserung der Gesundheitsversorgung begründet, sondern damit, dass die Versorgung „gerechter“ vonstattengehen sollte. Es ist jedoch zu befürchten, dass das Gegenteil der Fall sein würde. Denn: Mit der Einführung einer Bürgerversicherung würde in Zukunft dem Gesundheitssystem eindeutig weniger Geld zur Verfügung stehen. Zwar würden die Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung steigen, dies aber bei gleichzeitigem Rückgang der viel höheren Beitragszahlungen im Bereich der privaten Krankenversicherung.

Zwangsweise würde es so zu einem Absinken des Niveaus der Gesundheitsversorgung in Deutschland für alle kommen. Wer heute eine reine Kassenpraxis besucht und anschließend eine Praxis mit hohem Anteil von Privatpatienten, erkennt den Unterschied: Überfüllte Warteräume, veraltete Geräte hier, neueste medizinische Technik und hohe Standards mit gut ausgebildetem Personal dort.

Heute profitieren die gesetzlich versicherten Patienten in allen Praxen mit nennenswertem Privatpatientenanteil von einem solchen höheren Standard – sprich: einer Quersubventionierung durch die höheren Honorare von den Privatversicherten. Hinzu kommt: Diese höheren Einnahmen aber sind zugleich auch der Garant für wichtige medizinische Innovationen, die am Ende wiederum auch den gesetzlich Versicherten zugutekommen.

Eine „Bürgerversicherung“ hingegen würde nicht nur zu einem Absinken des Versorgungsniveaus, sondern auch zu einer starken Verzögerung der Einführung innovativer Behandlungsmethoden führen. Noch nie aber war das so fatal wie heute. Schließlich wird die Zukunft der Medizin in einem noch nie da gewesenen Ausmaß durch die Digitalisierung transformiert – die sogenannte „regenerative Medizin“ und insbesondere die Stammzellenforschung werden revolutionäre Verbesserungen in der Bekämpfung und Behandlung von Krebs, Parkinson, Diabetes und bei Herzkrankheiten bringen. Das alles aber wird in der jeweiligen Einführungsphase über viele Jahre hinweg sehr teuer sein, und nur das System der privaten Krankenversicherung wird die Finanzierung dieser lebensverlängernden Errungenschaften sichern können.

Wenn die Krankenversicherung in Deutschland also wirklich ein Gerechtigkeitsprojekt sein soll, dann sollte sie dem Patienten bestmögliche Versorgung im medizinischen Sinn garantieren. Genau das aber kann nicht mit der Abschaffung der „Zwei-Klassen Medizin“ erreicht werden. Im Gegenteil: Wer Gleichbehandlung nicht auf dem niedrigstmöglichen Niveau, sondern auf dem höchstmöglichen Niveau will, der kommt um eine private Komponente im Gesundheitssystem, um Markt-, Wettbewerbs- und Leistungsorientierung nicht herum. Erst recht gilt das für eine digitalisierte Zukunft, denn hier geht es darum, immer komplexere, differenziertere und individuellere Lösungen möglichst schnell möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Eine tendenziell stets bürokratische und finanziell eher limitierte Staatsgesundheitskasse wird das nicht leisten können.

Wer das nicht glaubt, der möge sich im Gesundheitssystem auf den britischen Inseln umsehen: Dort ist die medizinische Versorgung für die Bevölkerung dank Einheitskasse auf ein nicht mehr tragbares Niveau abgesunken. Lediglich in reinen Privatkliniken und -praxen wird für gut zahlende Patienten noch so gesorgt, wie dies aus gesundheitlicher Sicht notwendig und wünschenswert ist. Das bedeutet: Die Einheitsversicherung für alle fördert gerade das, was sie zu bekämpfen vorgibt, nämlich die Zwei-Klassen-Medizin.

Kommentare zu " Wolfgang Reitzle über die Bürgerversicherung: Keine Einheitskasse!"

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  • Statt Einschränkung der Freiheit durch eine Einheitskasse, sollten wir mehr Freiheit und echten Wettbewerb unter den Anbietern schaffen. A) Der Kostenausgleich unter den GKV sollte abgeschafft werden, B) die freie Entscheidung für PKV oder GKV sollte unabhängig von Alter und Einkommen gelten, C) die Mitnahme der Rückstellungen aus der PKV bei Kassenwechsel sollte gewährleistet sein und D) kein Sonderstatus mehr für Beamten.

  • Eine Angebot für Beamte wäre, dass sie die Freiheit haben, sich wie Andere auch, privat krankenzuversichern, aber dann auch die Konsequenzen tragen müssen, wie alle Anderen, und nicht wie jetzt, vom Steuerzahler 70% der Beamten-Krankenversicherung und Beamten-Krankheitskosten bezuschusst werden.

  • Lieber Herr Reitzle,
    es gäbe wahrlich viel zu sagen, zu Ihren Argumentationen. Ich möchte mich auf ein einziges konkretes Beispiel beschränken:
    Seit meinem 40. Lebensjahr bin ich als Privatpatient einmal jährlich zur Vorsorgeuntersuchung zum Urologen gegangen, nachdem ich jedes Jahr zur Terminerinnerung aus der Praxis angerufen wurde. Er hat mich zunächst 15 Minuten ausführlich befragt, dann ebenso ausführlich beraten, bevor er eine gründliche Untersuchung von innen und von außen per Ultraschall durchführte und mir anschließend noch einmal die Ergebnisse erklärte.
    Nach Trennung und beruflichem Neuanfang habe ich mit 55 gerade noch den Absprung in die gesetzliche Kasse geschafft. Als ich mit 56 bei meinem Urologen war hat er mir einen Vortrag über die unzulängliche Bezahlung durch die GKV gehalten und ebenfalls auf die Querfinanzierung durch die PKV verwiesen. Anschließend wurde ich gefragt, ob ich bereit sei, für eine richtige Untersuchung 96 Euro aufzuzahlen. Einmal habe ich das gemacht und wurde wie zu Privatpatientenzeiten untersucht. Mit 57 habe ich das abgelehnt. Daraufhin hat mir der Arzt einmal den Finger in den A… geschoben, gesagt „alles in Ordnung“. Mehr kann er leider zu Kassenkonditionen nicht tun. In zwei Minuten war ich wieder draußen. Nach 16 Jahren Querfinanzierung als Privatpatient habe ich also am eigenen Leibe erfahren dürfen, was diese Querfinanzierung einem Kassenpatienten nützt: Nichts! Null! Nada!
    Übrigens: Angerufen zur Terminerinnerung werde ich von der Praxis auch nicht mehr.

    Mit freundlichen Grüßen
    Rainer Hitzler

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