Alan Greenspan
Höchst verdächtig

Der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan hat die Welt mit Liquidität überschwemmt. Er ermöglichte den US-Banken, riesige Netze von Verbindlichkeiten in Form von Kreditderivaten zu weben. Damit ist Greenspan einer der Hauptschuldigen am derzeitigen Schlamassel. Eine Analyse.

Während Alan Greenspan die US-Notenbank Federal Reserve leitete, ließ er es zu, dass die US-Geldmenge im am weitesten gefassten Aggregat “M3” in den elf Jahren bis zum Februar 2006 mit einer Jahresrate von 8,3 Prozent gewachsen war. Damit lag sie um fast drei Prozentpunkte über der Steigerung des nominellen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Andere Zentralbanker taten es ihm gleich und alle zusammen produzierten sie so eine weltweite Flut an Liquidität.

Zudem ermöglichte Greenspan es den US-Banken, Netzwerke von Interbanken-Verbindlichkeiten in Form von Derivaten und Kreditderivaten aufzubauen, deren Nominalwert ein Vielfaches des US-BIP betrug. Mit anderen Worten stellte Greenspan dem Finanzsystem zu viel Geld bereit und übte dann nicht genug Kontrolle über dessen Exzesse aus.

Greenspan weist die Verantwortung dafür weit von sich. In einem Zeitungsartikel schiebt er die Schuld an den spekulativen Immobilienblasen in den USA und anderswo auf die außerordentlich niedrigen globalen realen Zinsen. Das überzeugt nicht so recht. Er kann ja schwerlich behaupten, die Politik der Fed habe keine Auswirkungen auf die realen Zinsen, weder in den US noch global. Da die größte Volkswirtschaft der Welt eine Politik des lockeren Geldes verfolgte, wäre es für andere Notenbanken schwierig gewesen, ihr nicht nachzufolgen. Die globale Liquidität widerspiegelnd, wuchsen die Fremdwährungsreserven von 1997 bis 2007 nach Angaben des Internationalen Währungsfonds weltweit um mehr als das Vierfache – das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von 16,2 Prozent oder dem Doppelten des nominellen Anstiegs des globalen BIP.

Daher spricht das Zusammentreffen spekulativer Blasen auf dem US-Aktienmarkt und dem Immobiliensektor mit ähnlichen Verwerfungen in anderen Ländern die Fed nicht frei von Schuld, wie Greenspan behauptet, auch wenn es die Verantwortung tatsächlich auch ein wenig auf andere für die Geldpolitik zuständige Behörden abwälzt.

Die Aufsicht betreffend, wusste Greenspan, dass sich die nicht-traditionellen Verbindlichkeiten amerikanischer Banken stetig aufblähten – und sie sind nicht immer in deren Bilanzen aufgetaucht. Kreditderivate, zum Beispiel, waren in der Rezession weitgehend unerprobt, stellten aber eine fundamentale Veränderung in der Dynamik der Kreditmärkte dar. Die Fed hätte auf diesem Feld schon vor Jahren die Kapital- und /oder die Berichtsanforderungen verschärfen können.

Greenspan argumentiert, die Fed könne sich nicht “gegen spekulative Blasen stellen”, während sie sich entwickeln. Aber als Oberaufseherin über das amerikanische Bankensystem hat die Fed den besten Zugang zu Informationen und sollte in der Lage sein, Exzesse zu erkennen - tatsächlich haben Greenspans eigene Leute denn auch regelmäßig über den hohen Einsatz von Fremdkapital und unangemessene Belastungstests durch die Banken gesprochen. Eine US-Notenbank, die ihrer Verantwortung gerecht wird, hätte unter solchen Umständen sowohl die Geldpolitik als auch die Aufsicht verschärfen können. Die US-Notenbank unter Greenspan hat in beiden Punkten versagt – und deshalb ist Greenspan im derzeitigen Schlamassel der Hauptverdächtige.

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