Analysten
Falsche Versprechen

Die Empfehlungen der Analysten sind für die Investoren in der Kreditkrise nur bedingt hilfreich. Sicher, niemand will in einem voll besetzten Theater „Feuer“ schreien. Aber die lächerlich optimistischen Ansichten der meisten Analysten sollten jeden Beobachter zu der Frage veranlassen, wen sie zu ihrem eigentlichen Kundenkreis zählen.

Angeblich sollen die Menschen ja gerade in Krisensituationen beweisen können, was so alles in ihnen steckt. Leider haben die meisten Aktienanalysten diese Chance vergeben. Ihre Empfehlungen in der Kreditkrise haben sich für die geschundenen Aktionäre als wenig hilfreich erwiesen, waren sie doch meist in übertrieben optimistischen Glanz gehüllt anstatt mit Weg weisenden Signalen der Düsternis versehen.

Sicher, einige wenige haben die Probleme kommen sehen und ihre Kunden gewarnt. Und natürlich tragen die Analysten auch ein gewisses Maß an Verantwortung dafür, keine wilde Flucht auszulösen. Finanzinstitute sind auf Vertrauen aufgebaut. Eine verantwortungslose Empfehlung kann eine Panik in Gang setzen und eine Aktie schwer unter Druck bringen. Und doch gibt es einen Unterschied, ob man in einem voll besetzten Theater "Feuer" schreit oder ob man Hinweise verschickt, in denen erklärt wird, warum die Investoren den in Schwaden umherziehenden Rauch ignorieren sollen.

Schauen wir uns einmal an, wie die Wall Street Fannie Mae und Freddie Mac beurteilt. Die beiden riesigen Immobilienfinanzierer verfügen über Schuldtitel über rund fünf Bill. Dollar, was bedeutet, dass sie mit einem Hebel von etwa fünfzig zu eins versehen sind. Die Immobilienpreise fallen und aufgrund der hohen Zahl leer stehender Häuser ist kein Ende dieser Abwärtsbewegung in Sicht. Das Finanzministerium hat im Grunde festgestellt, dass eine Rettung letztendlich die Stammaktionäre in Mitleidenschaft ziehen wird. Doch die Mehrheit der Analysten preist die beiden staatlich gestützten Gesellschaften immer noch als Kauf an, wobei die durchschnittlichen Zielkurse bei mehr als dem Doppelten des derzeitigen Marktwerts liegen.

Es gibt andere Beispiele in Hülle und Fülle, wie etwa die Einschätzung der Wall Street zu der angeschlagenen Versicherungsgesellschaft AIG. Ihre Aktien haben in diesem Jahr fast zwei Drittel ihres Werts verloren. Im Mai hat AIG frisches Kapital über 20 Mrd. Dollar gesammelt. Und jetzt gehen die Analysten davon aus, dass die Firma aufgrund von Verlusten bei Credit Default Swaps, also bei Kreditderivaten zum Handeln von Ausfallrisiken von Krediten und Anleihen, bald noch einmal eine beträchtliche Summe aufnehmen muss. Und doch geben selbst kompromisslos klingende Analysten relativ hoffnungsfrohe Ansichten über die Probleme der Firma von sich.

"Das Geschäft von AIG ist so komplex, dass selbst das Management vielleicht das Ausmaß der Risiken letztendlich nicht kennt, von den Verlusten ganz zu schweigen", hat ein Goldman-Analyst die Situation gerade beschrieben. Und doch setzt genau derselbe Experte einen Zielkurs von 23 Dollar je Aktie an, wodurch impliziert wird, dass die AIG-Titel angemessen bewertet waren. Andere Branchenkollegen sind da viel optimistischer - im Durchschnitt liegt der Zielkurs bei etwa 39 Dollar.

Natürlich ist es, wie Yogi Berra schon gesagt hat, schwierig Vorhersagen zu treffen, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Aber ihre wiederholten, lächerlich enthusiastischen Beurteilungen sollten jeden Beobachter zu der Frage veranlassen, ob die Analysten ihren wahren Kundenkreis in den Investoren sehen - oder in den Unternehmen, die sie abdecken.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%