Analysten-Research
Richtig geraten

Die Schätzungen von weniger gut bekannten Analysten über die Verluste an der Wall Street fallen höher aus. Das könnte so sein, weil sie unabhängiger sind. Ihre Prognosen sind qualitativ unterschiedlich, aber sie ziehen viel nützliche Aufmerksamkeit auf sich.

Der Verdacht, dass alle Analysten der Verkaufsseite mit einem großem Namen in Urlaub sind, möge einem verziehen werden. Aber es sieht ganz so aus, als kämen - zumindest im Bankensektor - die Aufsehen erregenden Prognosen in letzter Zeit allesamt von den Unbedeutenden der Wall Street.

Innerhalb weniger Tage war Meredith Whitney, die Analystin von CIBC, die Citigroup herabgestuft hat, fast jedem an der Wall Street ein Begriff. Und weil sich die Presse so intensiv auf Whitney gestürzt hat, wissen wir jetzt auch, dass ihr Mann ein Profi-Wrestler ist und dass sie wegen ihrer Analyse von Citigroup Todesdrohungen erhalten hat.

Oder nehmen wir David Trone. Der Analyst von Fox-Pitt bekam seine 15 Minuten im Rampenlicht, weil er Morgan Stanley CDOs - also Wertpapiere, die mit einem Pool von Anleihen, Krediten und anderen Vermögenswerten unterlegt sind - über vier Mrd. Dollar um die Ohren geschlagen hat. Und das derzeitige Umfeld spielt den unabhängigen Research-Unternehmen wie CreditSights, das auf die Kreditmärkte spezialisiert ist, direkt in die Hände.

Mit jeder kühnen Prognose kann man in die Zeitung kommen, selbst wenn nicht viel dahinter steckt. Daran sind nicht die Analysten Schuld. Den Bilanzen der Investmentbanken fehlt es so sehr an Transparenz, dass die Ersteller der Prognosen oft auf grobe Schätzungen und Annahmen zurückgreifen müssen - so wie Trone. Das heißt nicht, dass sie nicht Recht haben. Und weil ihre Firmen entweder kleiner, oder unabhängig sind, könnten ihre Behauptungen sogar objektiver sein. Der Markt braucht starke Prognosen und jene, die bereit sind, sie zu liefern, werden die Berühmtheit erlangen, die sie verdienen.

Es stimmt schon, dass sie ein bisschen spät ins Spiel kommen. William Tanona, Analyst für Wertpapierhäuser bei Goldman Sachs, hatte die Aufmerksamkeit der Finanzwelt auf sich gezogen, als er frühzeitig vor dem Fiasko von Merrill Lynch im dritten Quartal gewarnt hatte - fast eine ganze Woche bevor die "Donnernde Herde" damit anfing, ihre Verluste nach und nach einzugestehen. Aber weitere Abschreibungen bei Merrill Lynch und anderswo scheinen ziemlich gewiss zu sein, was bedeutet, dass sich noch viele an dem Ratespiel über das wahre Ausmaß der Schmerzen beteiligen können. So lange der Wunsch, Gehör zu finden, nicht größer wird als die Notwendigkeit, korrekt zu sein, könnte es sich lohnen zuzuhören. Aber erst wenn die Abschreibungen schließlich abgeschlossen sind, können die Preise verteilt werden.

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