Aufstrebende Märkte
Alles fließt - in die Schwellenländer

Bei Turbulenzen auf den Finanzmärkten waren aufstrebende Märkte immer unter den ersten Opfern. Doch dieses Mal stemmen sie sich gegen den Trend. Natürlich erscheinen die Märkte von Schwellenländern überbewertet. Doch da eine wahre Geldflut in die Aktienmärkte strömt und die Aussicht auf Währungsaufwertungen besteht, könnte diese Blase noch eine Weile halten.

Die Märkte von Schwellenländern sind bei Finanzkrisen traditionell immer die ersten Opfer. Dieses Mal nicht. Im September und Oktober, während sich die Investoren in den Industrienationen mit den Auswirkungen der Kreditkrise auseinandersetzen mussten, stürmten die Aktienmärkte in den aufstrebenden Märkten um 23 Prozent nach vorn, berichtet Merrill Lynch. Das ist der stärkste Zuwachs innerhalb von zwei Monaten seit März und April 1999. Auch die Börsengänge von PetroChina und Alibaba.com ließen Beobachtern die Augen übergehen. Und die Zinsaufschläge auf Anleihen aus Schwellenländern liegen bei gerade noch zwei Prozent über den US-Treasuries, verglichen mit mehr als zehn Prozent noch vor wenigen Jahren.

Ein großer Teil dieser Aufwärtsbewegung wird von einer Geldflut seitens globaler Investoren genährt, die der angeschlagenen US-Wirtschaft entkommen wollen. In den vergangenen zehn Wochen sind 34 Mrd. Dollar in „Emerging Markets“-Aktienfonds geflossen, mehr als die gesamte Jahressumme von 2005 und 2006. Ein Fondsmanager hat in der vergangenen Woche einen neuen Fonds bei vier Mrd. Dollar geschlossen, bei dem ursprünglich nur ein Volumen von einer Mrd. Dollar angepeilt war. Die Nachfrage hatte sich auf 14 Mrd. Dollar belaufen. Hedge Fonds und Beteiligungsgesellschaften gießen ebenfalls Geld und Ressourcen in die Märkte der Schwellenländer.

So wie es aussieht, ist die Logik unangreifbar. Auf die aufstrebenden Märkte entfallen 83 Prozent der Weltbevölkerung, 55 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts auf Basis der Kaufkraftparität und gerade einmal 22 Prozent der Marktkapitalisierung – und selbst dieser Wert fällt auf nur noch elf Prozent, wenn er um den Streubesitz bereinigt wird, schreibt Merrill Lynch weiter. Darüber hinaus können die meisten Schwellenländer, ein Jahrzehnt nachdem ihre Volkswirtschaften durch die Asien-Krise schwer beschädigt worden sind, jetzt gewaltige Devisenreserven, enorme Handelsbilanzüberschüsse und viel breiter gefächerte Wirtschaftszweige vorweisen. Damit werden viele Schwellenländer hinsichtlich der Kreditrisiken besser eingestuft als so manche Industrienation.

Und trotzdem gehen die Anleger zwei große Risiken ein. Das erste ist, ob sich die Volkswirtschaften der Schwellenländer wirklich vom Rest der Welt „abgekoppelt“ haben, wie einige Befürworter behaupten. Sicher, ein zunehmender Anteil an ihrem schnellen Wachstum stammt aus dem Binnenkonsum und dem Handel innerhalb der Regionen. Aber es gibt immer noch Fragezeichen, wie widerstandsfähig dieses Wachstum wirklich ist, wenn es zu einem kräftigen Einbruch der US-Wirtschaft oder einer Flaute bei den weltweiten Rohstoffpreisen kommt.

Das zweite Risiko liegt darin, ob die Investoren all diese Mittel auch rentabel anlegen können. Selbst jene, die mit der langfristigen Prognose kein Problem haben, könnten von den derzeitigen Börsenbewertungen in den aufstrebenden Märkten abgeschreckt werden. Ende Oktober wurden die „Emerging Markets“ mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 14 gehandelt. Das ist weit über dem KGV von zehn, das sie in den vergangenen zehn Jahren im Durchschnitt verzeichnet hatten, und ziemlich im Einklang mit dem FTSE-Weltmarkt-Index.

Die Anleger müssten schon der Meinung sein, dass das Wachstum in den Schwellenländern in den kommenden zwei Jahren viel höher liegen wird als bei den von Volkswirten im Mittel der Prognosen geschätzten 15 Prozent, um zu glauben, dass das billig ist.

Aber abgesehen davon, wird sich diese spekulative Blase, solange die Liquiditätsflut weiter in die ja immer noch recht begrenzten, wirklich handelbaren Gelegenheiten fließt, noch eine Weile weiter aufblähen.

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