Australien
Zahlungsbilanzdefizit trotz Rohstoffboom

Im Wahlkampf brüstet sich der australische Premierminister John Howard mit dem stetigen Wirtschaftswachstum seines Landes. Doch Australien ist eine von Rohstoffen abhängige Volkswirtschaft. Und das Land weist trotz des Rohstoffbooms ein Zahlungsbilanzdefizit auf. Wenn die Rohstoffpreise fallen, wird es zu einem schwierigen Anpassungsprozess kommen – egal, wer die Wahl gewinnt.

Die landesweiten Wahlen in Australien am 24. November werden weitgehend von der wirtschaftlichen Entwicklung, die das Land unter der Regierung der Liberalen mit John Howard an der Spitze genommen hat, bestimmt. Howard brüstet sich mit dem stetigen Wachstum in den vergangenen zwölf Jahren, während der Oppositionsführer Kevin Rudd immer wieder auf das nicht eingehaltene Versprechen Howards verweist, die Zinsen niedrig zu halten. Der Leitzins der Reserve Bank liegt bei derzeit 6,75 Prozent gegenüber 5,25 Prozent bei den letzten Wahlen 2004. Und doch könnten beide Kandidaten am eigentlichen Problem vorbeigegangen sein: Das jüngste Wachstum Australiens beruhte auf dem Boom der Rohstoffe. Und die Zahlungsbilanz des Landes sieht gefährlich verwundbar aus, sollte ein Abschwung einsetzen.

Da „Carry Trade“-Investoren einen Zinsunterschied von immerhin 6,25 Prozent zwischen dem australischen Dollar und dem japanischen Yen ausnutzen können, ist es keine Überraschung, dass die australische Währung stark ist. Sie ist seit der Wahl im Jahr 2004 gegenüber dem US-Dollar um rund 24 Prozent und gegenüber dem Yen um 15 Prozent gestiegen. Trotzdem sind die Preise für die wichtigsten Rohstoffexporte auf Basis des australischen Dollar im gleichen Zeitraum beträchtlich geklettert.

Australien verfügt zudem über die unschätzbaren Vorteile einer niedrigen Bevölkerungszahl, über Land und Bodenschätze in Hülle und Fülle, und es liegt in der Nachbarschaft zu einem der am schnellsten wachsenden Märkte der Welt. Bei all diesen Pluspunkten weist das Zahlungsbilanzdefizit von 5,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf ernste Kostenineffizienzen in der australischen Wirtschaft hin.

Howard hat versucht, dem entgegenzuwirken, indem er einen Großteil der protektionistischen Gesetze abgeschafft und den Arbeitsmarkt dereguliert hat – eine Kehrtwendung nach Jahrzehnten, in denen die australische Wettbewerbsstärke von starken und unflexiblen Gewerkschaften und von Protektionismus heimgesucht worden war. Tatsächlich hat sich der Lebensstandard in Australien relativ gesehen über einen langen Zeitraum hinweg kontinuierlich verschlechtert. Um 1880 herum war Australien, pro Kopf gerechnet, das reichste Land der Welt, heute nimmt es nur den 22sten Platz ein.

Diese Bemühungen, die Bremsen für das Wirtschaftswachstum zu lösen, sind bei einigen zuvor verwöhnten inländischen Produzenten und bei den Arbeitern nicht gut angekommen. Und Rudd verspricht denn auch, einen großen Teil der von der Regierung vorangetriebenen Industrie-Reformen, die auf vier Jahre angelegt sind und zwölf Mrd. australische Dollar bzw. 0,4 Prozent des BIP kosten sollen, wieder rückgängig zu machen.

Das scheint nicht die richtige Antwort zu sein. Vielmehr legt das umfangreiche Zahlungsbilanzdefizit nahe, dass die wirtschaftliche Liberalisierung noch weiter gehen muss. In der Zwischenzeit könnte das „glückliche Land“, wenn die Rohstoffpreise im Einklang mit der Verlangsamung des weltweiten Wachstums zurückgehen, in eine Pechsträhne geraten – egal, wer die Wahl gewinnt.

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