Bankenkrise wird zur Juristenkrise
Dürre Zeiten für Anwälte

Die Investmentbanker sind nicht die einzigen, die plötzlich wieder mehr Zeit haben. Auch die Anwälte, die sich auf Unternehmenstransaktionen spezialisiert haben, sind unterbeschäftigt. Einige satteln auf das Insolvenzrecht um, einige genehmigen sich ein dienstfreies Jahr. Andere sind schlicht arbeitslos.
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Die Banker leiden. Aber auch Legionen von Rechtsanwälten an der Wall Street bedürfen des Trosts. Durch die Finanzkrise ist die Zahl der Unternehmenstransaktionen beträchtlich geschrumpft und damit auch der Bedarf an den Anwälten, die diese Vorhaben juristisch begleiten.

Das soll nicht heißen, dass Rechtsanwälte jetzt generell Däumchen drehen. Betrügerische Schneeballsysteme wie das von Bernard Madoff kommen ans Licht, Investoren haben Billionen von Dollar verloren - an Prozessanlässen mangelt es also nicht. Und die sich aufbauende Pleitewelle wird Umstrukturierungsexperten auf Jahre hinaus mit Arbeit versorgen.

Zu den lukrativsten Bereichen der Juristerei hatte aber immer die Corporate Finance gezählt. Verrechenbare Stunden wurden üblicherweise noch durch Erfolgsgebühren für abgeschlossene Deals aufgebessert. Die Consiglieri für Unternehmenstransaktionen klären die Unternehmen und deren Banken über die Feinheiten der Firmenverordnungen auf, sie vertreten sie vor dem auf Wirtschaftsangelegenheiten spezialisierten Delaware Court of Chancery und beraten den Vorstand in Fragen der Treue- und Sorgfaltspflicht gegenüber den Aktionären. Der Wert der angekündigten Deals ist jedoch um fast ein Drittel gesunken, wobei die Aktivitäten im ersten Quartal auf das niedrigste Niveau seit fünf Jahren gefallen sind.

Das trifft natürlich auch die Anwälte, die jene tausende von Seiten umfassenden Kompendien an Risikofaktoren und Juristenkauderwelsch zusammentragen, die die Unternehmen, die Kapital aufnehmen wollen, auf Geheiß der US-Wertpapieraufsichtsbehörde in ihre Anträge einarbeiten müssen. Die Emissionen von Aktien hatten im ersten Quartal ein Volumen von nur 13,5 Mrd. Dollar erreicht, das waren schmerzhafte 74 Prozent weniger als im Vorjahr, berichtet Dealogic. Wenn keine Registrierungsdokumente zu überprüfen sind, dann können die Anwälte auch keine Stunden dafür in Rechnung stellen.

Und wie die Investmentbanker müssen auch die Juristen Kosten senken. Einige Firmen wie Cadwalader, Wickersham & Taft und Latham and Watkins haben Mitarbeiter entlassen - ein ungewöhnlicher Schritt in einer Branche, in der gewöhnlich heftig um die besten Talente gerungen wird.

Viele andere versuchen, kreativer zu reagieren. Einige halten ihre Belegschaft dazu an, ihre Nachschlagewerke abzustauben und ihre Kenntnisse der Konkursordnung aufzufrischen. Zwar kann ein Investmentbanker sein Buckeln vor Private Equity-Baronen flugs einstellen und sich der Umstrukturierung von Pleitefirmen zuwenden. Die Einarbeitung in die Feinheiten des Chapter 11 aber lässt sich nur mit dem Erlernen einer neuen Fremdsprache vergleichen.

Darum haben nicht wenige Kanzleien ihren Kollegen einfach nahe gelegt, das Jahr frei zu nehmen. White & Case, zum Beispiel, bietet Neuankömmlingen 45 000 Dollar, wenn sie ihren Arbeitsplatz an den Strand verlegen. Wenn sie während dieses Jahres stattdessen bei Hilfsprojekten mitarbeiten wollen, bekommen sie 75 000 Dollar. Skadden Arps eröffnet ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, unentgeltliche Tätigkeiten für ein Drittel ihres Gehalts auszuüben.

Dieser Ansatz ermöglicht es den Firmen, Kosten zu reduzieren, wenn es nicht viel zu tun gibt, während sie sich damit gleichzeitig eine Option auf das Talent ihrer Mitarbeiter bewahren. Ob die Dürre an der Wall Street früh genug endet, um diese Option zu Geld zu machen, darüber kann nur spekuliert werden.

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