Bankkapital
Vertraue keinem Banker

Die Banker jammern schon wieder. Auf dem Jahrestreffen des Inernationalen Währungsfonds in Istanbul erklang ein Chor von Beschwerden, die Forderungen der Regulatoren nach mehr Eigenkapital der Banken könnten die aufkeimende wirtschaftliche Erholung abwürgen.
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Josef Ackermann von der Deutschen Bank und Stuart Gulliver von HSBC sagten dies öffentlich, viele andere taten es privat. Ihre Sorge ist, dass Banken die Kreditvergabe drosseln müssen, wenn die vermuteten neuen Tier-1-Kernkapitalquoten von acht oder gar zehn Prozent eingehalten werden sollen, vor allem dann, wenn zudem noch ein hohes Minimal-Liquiditätsniveau vorgeschrieben ist und die Banken sich weniger auf die billige Refinanzierungen über Großkundengelder verlassen können. Die Banker haben Angst, dass Einschnitte zu einer Zeit kommen, in der die Nachfrage des privaten Sektors nach Krediten, die während der Rezession schwach war, sich wieder erholt. Wenn der private Sektor aber Wachstum nicht finanzieren kann, wie soll dann die Wirtschaft angesichts des bevorstehenden Auslaufens öffentlicher Anreizprogramme wieder Kraft gewinnen?

Die Lobbyarbeit der Banker ist zwar stark, aber aus vier Gründen übertrieben.

Erstens sind Regulatoren, Zentralbanken und Politiker einem schrittweisen Vorgehen verpflichtet. Sie haben schließlich den starken Wunsch, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Wenn zwischen dem Abbruch der Erholung und der Aufrechterhaltung der Bankenkreditvergabe entschieden werden müsste, würden die Verantwortlichen ohne Zweifel die Unterstützung der Banken wählen. Der italienische Zentralbanker Mario Draghi, Chef des Internationalen Stabilitätsgremiums FSB, das die neuen globalen Kapitalvorschriften ausarbeitet, sagte dazu der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", schärfere Kapitalregeln könnten nur allmählich umgesetzt werden.

Zweitens dürften die derzeit erarbeiteten Kapitalvorschriften kontrazylisch ausfallen. Das bedeutet, dass sie am stärksten im nächsten Aufschwung zur Geltung kommen würden. In der frühen Phase einer wirtschaftlichen Erholung werden sie dagegen wohl relativ locker sein.

Drittens ist es für Banken eigentlich ziemlich leicht, derzeit am Markt Kapital aufzunehmen. Damit wird das Argument untergraben, dass ihnen die Ressourcen ausgehen würden. Zwei große Banken, die französische Société Générale und die spanische Santander, haben sogar in den letzten Tagen genug neues Kapital aufgenommen, um über Akquisitionen nachdenken zu können. Zudem prüft die britische Bank Lloyds eine Kapitalerhöhung im Umfang von vielleicht 15 Milliarden britischen Pfund, um sich aus einem staatlichen Rettungsprogramm verabschieden zu können.

Zu guter Letzt können Banken noch andere Finanzquellen anzapfen, bevor sie die Kreditvergabe einstellen müssen. Aktionären etwa könnten noch mehr Schmerzen bevorstehen, indem man ihnen weiterhin hohe Dividenden vorenthält, bis die Bilanzen wieder in Ordnung gebracht sind. Auch die Rückkehr der Mega-Boni für Angestellte könnte noch ein paar weitere Jahre aufgeschoben werden.

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