Barclays greift nach Lehman
Etwas für nichts

Wie ein Aasgeier nähert sich die britische Barclays dem tödlich verwundeten Beutetier Lehman. Die Bank hofft, sich die noch zu rettenden Vermögenswerte unter den Nagel reißen und gleichzeitig vergiftete Wertpapiere meiden zu können. Bisher war dies das größte Hindernis. Der Preis ist nahe Null - der Haken, dass blitzschnelle Bewegungen gefragt sind.

Barclays hat sich in einen Aasgeier verwandelt. Die britische Bank schreckte letzte Woche vor einer Übernahme von Lehman zurück. Inzwischen ist das US-Handelshaus umgekippt und gesunken, und Barclays könnte es gelingen, die Leiche zu fleddern.

Als einzige unter den britischen Banken strebt Barclays Transaktionen an. Von der im Juni erfolgten Kapitalerhöhung über 4,5 Milliarden britische Pfund ist die Hälfte für Übernahmen vorgesehen. Die Ergebnisse im August waren solide, und die höheren Bewertungen ihrer durch Vermögenswerte besicherten Wertpapiere hält die Bank für gerechtfertigt, weil sie aus früheren Jahrgängen stammen.

Das Problem bei jedem Geschäft wäre die Frage, um wieviel sich Barclays eine Reduzierung seiner Kernkapitalquote von 6,3 Prozent leisten kann. Für Lehman könnte die Antwort lauten: um nicht sehr viel. Die Unternehmensleitung sitzt noch in den Sesseln, doch jede Fusionsentscheidung müsste wohl vom Insolvenzgericht genau geprüft werden, weil die Lehman-Dachgesellschaft Gläubigerschutz nach Kapitel elf des US-Konkursrechts beantragt hat. Das Gericht könnte einer Offerte freundlich gegenüberstehen, um 10 000 Arbeitsplätze in den USA zu retten ? selbst dann, wenn Barclays dabei kein Bargeld springen lässt.

Wenn das Gericht zustimmt, könnte die britische Bank sich etwas aussuchen. Die Vermögensverwaltung von Lehman, bei der man schon präsent ist, würde man wohl links liegen lassen. Definitiv interessiert ist man an Lehmans Geschäft mit US-Aktien, festverzinslichen Wertpapieren, Fremdwährungen sowie Fusions- und Übernahmeberatungen. Entscheidend dabei ist, dass man nicht die Exposition gegenüber "Subprime"-Ramschanlagen erhöhen müsste. Am Ende könnte Barclays als eine der drei größten US-Investmentbanken dastehen, ohne etwas zu zahlen.

Es gibt allerdings zwei Haken. Erstens muss Barclays ein Geschäft so schnell wie möglich über die Bühne bringen. Einerseits, um andere daran zu hindern, die Feier zu stören. Vor allem aber wird die Marke Lehman bald wertlos sein, und Lehmans größter Besitz sind die besten Leute der Firma, die nicht mehr allzu lange bleiben werden.

Zweitens gibt es auch dann noch Risiken, wenn Barclays nicht zuviel bezahlt. Es wäre ein größeres Unterfangen, das Handelshaus zu integrieren, als sich unter den gestrandeten Lehman-Leuten die Rosinen herauszupicken. Außerdem kann Barclays Plan, zu wachsen, während die Rivalen Fremdfinanzierung abbauen, noch immer fürchterlich falsch laufen. Aber Aasgeier müssen wohl dreist sein.

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