Bear Stearns
Bridge, nicht Poker

Bear-Stearns-Chef Jimmy Cayne verspricht, sein Unternehmen werde den stärker und breiter aufgestellt aus der Finanzkrise hervorgehen. Dafür müsste Cayne aus einem schwachen Blatt ein großartiges Ergebnis hervorziehen - ein schwieriges Unterfangen, da jeder weiß, welche Karten er in der Hand hält.

Die Aktien von Bear Stearns haben sich ein wenig erholt, und die Besorgnis über die Zahlungsfähigkeit der Investmentbank hat sich gelegt, seit sich die Finanzmärkte nach den Turbulenzen im August wieder beruhigt haben. Das Gröbste sei überstanden, haben die Manager der Wall Street-Firma den Investoren jetzt versichert. Der Chief Executive von Bear Stearns, Jimmy Cayne, sagte, das Unternehmen werde "den Sturm überstehen" und stärker und breiter aufgestellt daraus hervorgehen.

Das ist möglich. Aber Cayne müsste aus einem schwachen Blatt ein großartiges Ergebnis hervorziehen. Das wird schwer, besonders da jeder ungefähr weiß, welche Karten er in der Hand hält. Hier geht es um Bridge und nicht um Poker und die Möglichkeiten, Schwäche durch mutiges Bluffen zu verdecken, sind dünn gesät. Das könnte erklären, warum die Titel von Bear trotz der gespielten Tapferkeit nachgaben.

Bear erscheint zu groß für einen Nischenanbieter und beklemmend klein für eine Investmentbank. Nach Schätzungen von Analysten betrugen selbst die "normalisierten" Nettoeinnahmen - bereinigt um Abschreibungen und Sonderposten - von etwas über zwei Mrd. Dollar im dritten Quartal weniger als die Hälfte dessen, was der direkte Konkurrent Lehman Brothers eingenommen hat. Im Vergleich zu Goldman Sachs lag die Zahl gar bei weniger als einem Fünftel. Und dabei hing auch noch zu viel vom US-Geschäft ab.

Und es mangelt an der Produktstreuung. Das ist deutlich geworden, als wegen der Krise auf dem Markt für zweitklassige US-Hypothekendarlehen, den so genannten Subprime Mortgages, im Quartal per August gegenüber dem Vorjahr gleich die Hälfte der Nettoeinnahmen weg fielen. Angesichts von Fehleinschätzungen, die sowohl das Geschäft mit Festverzinslichen als auch das Asset Management belasten, ist der einstige Ruf der Bank als cleverer Risikomanager schwer angeschlagen.

Jeder Weg zurück könnte sich in Schwerstarbeit verwandeln. Zieht sich Bear Stearns jetzt zum Beispiel aus dem rentablen Geschäft mit Subprime-Hypotheken zurück und konzentriert sich auf Rohstoffkredite mit geringerem Risiko, so dürfte das kaum zu starkem Wachstum führen. Will man allerdings seinen Ruf in der Risiko-Steuerung wiederherstellen, so braucht man dazu vorsichtiges Wachstum. Das schließt wahrscheinlich aus, dass die Bank sich exponiert, indem sie ihre Expansionsbemühungen im Ausland vorantreibt.

Ein Ausweg könnte tatsächlich der Verkauf sein. Eine viel besprochene Alternative wäre eine Kapitalspritze seitens eines strategischen Anlegers, obwohl Cayne behauptet, dies sei nicht erforderlich. Jedenfalls trifft der Mangel an Breite und Tiefe bei Bear Stearns auch auf die Führungsriege zu. Die Anleger können von Cayne erwarten, dass er das richtet. Trotz all seines Geschicks beim Bridge-Spielen, könnten die Investoren eines Tages genau so gut beschließen, dass er nicht der Richtige ist, das Blatt von Bear in der Hand zu halten.

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