Bear Stearns
Denn sie wissen nicht, was sie tun

Jimmy Cayne, der ehemalige Chef von Bear Stearns, hat in einem Interview erklärt, er sei im vergangenen September fast gestorben. Zudem habe eine Verschwörung zum Zusammenbruch der Wall Street-Firma beigetragen. Gleichzeitig hat Cayne allerdings eingeräumt, er habe nichts getan, um den Einsatz von Fremdkapital bei der Bank zu zügeln. Schon im vergangenen Sommer habe er nicht mehr gewusst, was eigentlich zu tun sei. Vielleicht wäre es eine gute Idee gewesen, wenn er früher zurückgetreten wäre.

Der ehemalige Chef von Bear Stearns, Jimmy Cayne, hat sich Monate lang nicht mehr blicken lassen. Doch jetzt ist er in einem Interview mit dem Magazin "Forbes" an die Öffentlichkeit gegangen und hat erklärt, er habe im vergangenen September mit einer lebensbedrohlichen Krankheit gekämpft. Zudem habe eine Verschwörung der Baissespekulanten zum Zusammenbruch der Wall Street-Firma beigetragen. Gleichzeitig räumte Cayne ein, er habe nichts getan, um den Einsatz von Fremdkapital bei Bear zu zügeln. Und er gab zu, schon im Sommer 2007 nicht mehr in der Lage gewesen zu sein, über den besten Weg für das Institut zu entscheiden. Zumindest zeigt er bei all diesen Ausflüchten auch die Bereitschaft, sich selbst eine Mitschuld zuzuweisen. Solche Einsichten kommen allerdings ein wenig spät: Wäre er früher zurückgetreten, hätte das Schicksal von Bear durchaus anders ausfallen können.

Natürlich lässt sich dies im Nachhinein leicht sagen. Aber Bear hatte im vergangenen Sommer nach ihrem Hedge Fonds-Debakel kurzzeitig einen Run auf die Bank erlebt. Doch selbst dies konnte den damaligen Chairman und Chief Executive nicht von der entscheidenden Notwendigkeit überzeugen, das Kapital der Firma zu stützen. Dies hätte auf verschiedene Wege erreicht werden können, zum Beispiel indem man die Abhängigkeit der Bank von kurzfristigen Finanzierungen gemindert hätte. Laut "Forbes" war Cayne tatsächlich auf der Jagd nach einer umfangreichen Kapitalspritze. Aber entweder waren die Investoren der Meinung, Bear sei schon in einer schlechten Verfassung oder der Boss hat unrealistisch hart verhandelt.

Caynes Vorliebe für Bridge und Golf hatte ohnehin schon dazu geführt, dass der Chefsessel oft leer blieb. Als eine schwere Erkrankung den 73jährigen im September dazu zwang, seinem Büro fast den ganzen Monat lang fern zu bleiben, hätte er dies als Wink auffassen können, dass es nun Zeit sei, seinen Schreibtisch zu räumen. Aber er hat weitergemacht bis Januar, als er schließlich scheinbar nur deswegen zurücktrat, weil er die Welle der Kritik, die über ihn hinwegschwappte, nicht mehr ertragen konnte. Wie sich herausgestellt hat, blieb damit seinem Nachfolger, dem Investmentbanker Alan Schwartz, herzlich wenig Zeit, um einzugreifen, bevor die Katastrophe endgültig ihren Lauf nahm.

Dass Cayne zugegeben hat, dass er - sogar schon im vergangenen Sommer - nicht wusste, was er tun soll, ist äußerst erstaunlich. Wenn dies der Fall war, dann hätte er das Ruder an jemanden mit besseren Ideen übergeben sollen. Oder der Board von Bear hätte ihn dazu zwingen sollen. Aber keiner scheint Caynes Führungsstil in Frage gestellt zu haben - bis es zu spät war. Wenn für die Investoren in dieser Facette der traurigen Ballade über das Schicksal von Bear Stearns eine Moral enthalten ist, dann die, dass starke und in ihrer Machtposition gefestigte Chefs genauso starke und unabhängig denkende Board-Mitglieder brauchen, um der Überheblichkeit Paroli zu bieten.

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