Bear Stearns
Was raucht der denn?

Einerseits muss Bear Stearns expandieren und in Mitarbeiter investieren. Andererseits hat der erste Quartalsverlust in der Unternehmensgeschichte die Finanzen und den Ruf der Firma untergraben. Der 73-jährige Chef Jimmy Cayne, der selbst auf dem Prüfstand steht, hat geringe Chancen, eine Kehrtwende zu gestalten.

Jimmy Cayne hat nicht an der Investorenkonferenz teilgenommen, um den ersten Quartalsverlust in der 84-jährigen Geschichte von Bear Stearns zu erläutern. Es stimmt schon, dass der 73-jährige Chef des Wertpapierhauses dies gewöhnlich seinem Finanzvorstand überlässt. Sein minimaler Gesprächsbeitrag zu einer Konferenz mit Investoren im Sommer hatte ihn denn auch prompt in die Bredouille gebracht. Und trotzdem könnte man meinen, die Umstände wären es wert gewesen, dass er zumindest nach außen hin Reue bekundet.

Vielleicht ist Cayne ja der Meinung, es gäbe genug positive Aspekte, um die Investoren und Mitarbeiter bei Laune zu halten. Finanzvorstand Sam Molinaro verwies auf Rekorde beispielsweise bei der Entwicklung der Abteilung Institutionelle Dividendenpapiere und bei den globalen Clearing-Diensten, der Prime Brokerage- Division für Handel, Wertpapierleihe und Verrechnung für Hedge Fonds bei Bear Sterns. Seinen Worten zufolge zeigten auch die internationalen Bemühungen, wie etwa die Ausweitung des Prime Brokerage-Geschäfts in Europa, gute Erfolge.

Ja, es gibt einige helle Flecken. Und der gute Ruf der Firma, clever im Handel und stark im Risikomanagement zu sein, ist zwar angeschlagen, aber nicht vergessen. Aber der Rest sieht weniger tröstlich aus. Bear hat im Quartal per November einen deftigen Verlust über 854 Mill. Dollar eingefahren. Die Eigenkapitalrendite für das Geschäftsjahr erreicht gerade einmal 1,8 Prozent. Das Hypothekengeschäft – einst der Motor für Wachstum und Gewinn, bis es sich in diesem Jahr in eine Belastung verwandelte – wird künftig nicht mehr allzu viel abwerfen. Die Einnahmen der wichtigen Gruppe für die globalen Clearing-Dienste sind im vierten Quartal um 17 Prozent gegenüber dem Rekordniveau des Vorquartals gefallen. Bear Stearns führt das allerdings auf eine geringere allgemeine Geschäftstätigkeit und nicht auf einen Verlust von Marktanteilen zurück.

Die anderen Geschäftfelder sind derzeit noch zu klein, um die Flaute überwinden zu können. Und Bear ist, zumindest vorübergehend, weniger gut mit Liquidität als früher ausgestattet, um die Bereiche auszubauen. Auch das internationale Geschäft ist noch zu begrenzt, als dass es ein Gegengewicht zur Schwäche der US-Märkte der Firma bilden könnte.

Darüber hinaus herrscht Unsicherheit über die Führungsspitze der Firma. Einige Beobachter bezweifeln, dass Cayne auf den Spitzenplatz gebucht ist. Und öffentlich ist kein überzeugender Plan für seine Nachfolge bekannt. Wenn er bleibt, dann ist der Weg zurück zu finanziellem Erfolg – zumindest als eigenständige Firma – alles andere als offenkundig.

Alles dies könnte Bear Stearns im Rennen um die Goldenen Gänse der Wall Street ins Hintertreffen bringen: im Kampf um die besten Köpfe. Bear zahlt dem durchschnittlichen Mitarbeiter in diesem Jahr weniger als im letzten, auch wenn die Firma versucht, ihre Angestellten für einen längeren Zeitraum zu verpflichten. Wenn man dann noch die anderen Probleme des Unternehmens dazu nimmt – darunter die Untersuchungen der Aufsichtsbehörden und ein neues Gerichtsverfahren, das Barclays Bank angestrengt hat -, dann könnte es schwerer werden, die Besten anzulocken und zu halten. Langfristig könnte die Abwanderung der Expertise und der Erfahrung der Mitarbeiter genau so viel Schaden anrichten wie ein verlustträchtiges Quartal.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%