Ben Bernanke
Hast du die Vergangenheit vergessen, Ben?

Als Mitglied der Fed argumentierte Bernanke dagegen, vermeintliche Preisblasen zum Platzen zu bringen. Aber er machte eine Ausnahme für den Fall das „rasantes Kreditwachstum“ die Immobilienpreise nach oben treibt. Als Fed-Chef scheint er seine Vorsätze vergessen zu haben. Die Rückkehr zu einem früheren Bernanke-Jahrgang wäre willkommen.
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Ben Bernanke durchschaute die Finanzkrise nur langsam. Der Chairman der Federal Reserve, der in dieser Woche zu einer zweiten vierjährige Amtsperiode berufen wurde, erfasste das Ausmaß der Finanzexzesse nicht. Seine Interpretation der Subprimekrise war nicht zutreffend. Schlimmer noch, er scheint nicht einmal eine seiner eigenen Reden von 2002 zu Rate gezogen zu haben.

Im Oktober besagten Jahres, als er noch Direktoriumsmitglied der Federal Reserve war, hielt Bernanke eine denkwürdige halb-wissenschaftliche Rede über "Blasen" und Geldpolitik. Seine Aussagen zu den "Blasen" zeigen den Tenor dieser Rede: sie sind nur schwer zu erkennen und können nicht so leicht zum Platzen gebracht werden.

So ähnlich dachte auch der damalige Fed-Präsident, der hochverehrte Alan Greenspan. Er war nicht der Meinung, dass Blasen etwas sind, worum sich Zentralbanker besonders kümmern könnten oder sollten.

Aber gegen Ende seiner 2002er Rede, ließ Bernanke eine kleine Ausnahme gelten: für Blasen, die durch "schnelles Kreditwachstum" verursacht werden. Sie werden normalerweise durch "eine verpfuschte Liberalisierung auf dem Finanzmarkt" ausgelöst, die dazu führt, dass Finanzinstitute "spekulative Positionen" aufbauen, wohl wissend, dass sie Rettung erhalten werden, wenn die Sache schief geht. In seinen Worten: "die klassische 'bei Kopf gewinne ich, bei Zahl verlierst Du'-Situation"

Klingt bekannt? Sollte es auch. Genau das passierte während der darauffolgenden fünf Jahre, in denen das Finanzsystem immer höhere Schulden auftürmte. Bernanke hatte sogar den Markteffekt richtig erkannt. In dieser Situation "fließen Kredite schnell in Vermögenswerte mit unelastischem Angebot, wie zum Beispiel in Immobilien."

Dem Direktoriumsmitglied gefiel die Vorstellung zwar nicht, dass Zentralbanken diese Blasen zum Platzen bringen sollten. Stattdessen zog er es vor, zunächst die Regeln der Finanzaufsicht anzupassen. Wenn "das jedoch fehlschlägt", dann sollten die Behörden "eingreifen und das Problem beseitigen, sobald es erkannt ist." Aber genau das versäumte Bernanke, als er das Ruder der Fed übernommen hatte.

Jetzt ist es zu spät, um verstehen zu wollen, warum Bernanke seine eigenen Argumente vergaß oder davon Abstand nahm. Aber für den frisch ernannten neuen Fed-Chairman es ist nicht zu spät, seine früheren Erkenntnisse sorgfältig zu analysieren. Während die Rohstoffpreise und Aktienkurse inmitten einer Rezession ansteigen - und die Zentralbanken die Banken nahezu umsonst mit Liquidität versorgen - ist es zumindest eine Überlegung wert, ob sich nicht vielleicht schon die nächste Blase bildet. Der Bernanke des Jahrgangs 2002 wüsste, was zu tun ist.

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