Blickpunkt Berlin: Der Süden wird machtvoll, der Westen kleinlaut

Blickpunkt Berlin
Der Süden wird machtvoll, der Westen kleinlaut

Die Wirtschaftskraft verlagert sich nach Süden und Osten. Die politischen Folgen davon werden in den großen westlichen Institutionen kaum diskutiert. Wer große Devisenreserven hat, wird nicht mit Kritik genervt.
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Bald heißt es Abschied nehmen: 2010 ist voraussichtlich das letzte Jahr, in dem der Club der reichen Länder mehr als die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung erreicht. 2011 dürften die in der OECD zusammenarbeitenden Industrieländer unter diesen Wert rutschen. Die Länder, die nicht zu den Arrivierten zählen, werden dann mehr als sie zum globalen Bruttoinlandsprodukt beitragen.

Das Gravitationszentrum der Weltwirtschaft verlagert sich viel schneller als in den 90er-Jahren. Mit der Wirtschaftsleistung aber wandert auch die wirtschaftliche Macht und mit der das politische Sagen. Was sind die Folgen? Im Westen wird nur verschwiemelt darüber diskutiert.

In rein wirtschaftlicher Hinsicht kann man die optimistische Position einnehmen und wie die OECD in einem soeben vorgelegten Report (Shifting Wealth, oecd.org) dafür plädieren, den Aufstieg der bislang Ärmeren (rise of the rest) nicht als Abstieg des Westens zu sehen. Nur: Wenn sich der Reichtum verlagert, impliziert das einen Bedeutungsverlust, auch wenn Abstieg vielleicht ein zu harter Begriff dafür ist.

Der Aufstieg des Südens ist in den Augen der Optimisten eine große Chance für die Entwicklungs- und Schwellenländer. Rund 300 Millionen Menschen sind in der ersten Hälfte der 2000er-Jahre der Armut entkommen. Chancen sind damit auch für die reichen Länder verbunden, weil mehr und bessere Güter zur Verfügung stehen, die Dynamik der technischen Entwicklung zunimmt, mehr kaufkräftige Nachfrage wirksam wird.

Stimmt. Aber ist das alles? Fehlt da nicht noch eine Dimension? Welche Auswirkung hat "Shifting Wealth" auf die Politik, auf Rechte, Werte und deren Realisierungsmöglichkeiten? Die wirtschaftliche Stärkung einiger großer Schwellenländer wie China und Brasilien - deren Erfolg erklärt den größten Teil der Verlagerung - bedeutet auch "Shifting Power". Der spanische Premier Zapatero etwa erhielt kürzlich einen Anruf aus Peking: Man sei ein wenig besorgt wegen der spanischen Verschuldung. Ein anderes Beispiel: So schön es ist, wenn der Süd-Süd-Handel wächst und damit zur wirtschaftlichen Dynamik beiträgt. Nicht so schön ist es, wenn Brasilien nicht nur regen Handel mit dem Iran treibt, sondern auch dessen Atomprogramm unterstützt und versucht, Uno-Sanktionen dagegen aufzuhalten.

Die Demokratien verlieren weltweit an Einfluss. Darf man darüber nicht sprechen? Große Institutionen wie die OECD schweigen lieber darüber. Vielleicht zeigt sich hier eine neue Art von politischem Relativismus:Man schaut nicht mehr so genau hin, ob demokratisch oder nicht, Hauptsache, wirtschaftlich erfolgreich und politisch "stabil".

In den 90er-Jahren wurde noch gutes Regieren gefordert: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Bekämpfung von Korruption. Heute ist es still darum geworden. Shifting Wealth? Oder doch Shifting Values?

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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