Blickpunkt Berlin Die Überraschung des Jahres: die Deutschen

Trotz schwieriger Zeiten widerstandsfähig gegen populistische Versuchungen und politisch anspruchsvoll: So waren die Deutschen 2010. Leider werden sie unterfordert.
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Thomas Hanke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Quelle: Pablo Castagnola

Thomas Hanke leitet das Ressort Meinung & Analyse.

(Foto: Pablo Castagnola)

Was wäre in diesem Land möglich, wenn seine Politiker das Potenzial seiner aufgeklärten Bürger nutzen würden? Die Deutschen haben 2010 Reife und Resistenz gegen populistische Versuchungen gezeigt. Die Zeit der Politikverdrossenheit ist vorbei: Die Leute sind anspruchsvoll, werden aber nicht gefordert.

Es begann im Frühjahr: Die FDP ging mit Steuersenkungen um jeden Preis hausieren, spekulierte darauf, dass Eigennutz den Menschen wichtiger sei als eine verantwortliche Finanzpolitik. Doch sogar die eigenen Wähler fühlten sich, als würde ihnen bei einer Kaffeefahrt ein Schummelangebot gemacht. So billig ließen sie sich nicht kaufen. Die FDP verlor ihr Kapital aus der Wahl und zahlt noch heute einen hohen Preis dafür, dass sie das staatsbürgerliche Bewusstsein liberal denkender Menschen unterschätzt.

Dann kam Thilo Sarrazin über uns. Ja, er verkaufte Hunderttausende Exemplare seines Buchs und wurde bei Veranstaltungen gefeiert. Neben ernsten Fragen über Fehler bei der Integration von Migranten schwappte eine Welle plumper Muslimfeindlichkeit durchs Land. Aber gibt es einen Rechtsschwenk, erringen rechtspopulistische Parteien Erfolge? Nein. Man soll nie zu früh Hurra schreien, doch bislang erweisen die Deutschen sich als erfreulich immun. In den Niederlanden triumphiert Geert Wilders, hierzulande der Buchhandel.

Der Widerstand gegen Stuttgart 21 gilt vielen Politikern als Beleg für eine neue Verweigerungskultur. Nimmt man aber alles zusammen, auch die Zeit seit der Schlichtung, zeigt sich wohl eher, dass die platte Formel von der Politikverdrossenheit überholt ist. Die Bürger möchten nicht weniger Politik, sondern mehr: Mitsprache, Einflussmöglichkeiten und vor allem: Sie wollen spüren, dass sie ernst genommen werden von denen, die über sie entscheiden. Mit dem Spruch: "Es gibt keine Alternative" lassen sie sich nicht mehr abfertigen.

In der Euro-Krise lauern die größten Gefahren für ein Abrutschen in nationalen Populismus. Die Parteien von CDU bis SPD verstecken sich hinter der Floskel, Europa sei nicht mehr beliebt. Damit begründen sie den eigenen Kleinmut, was Schritte zur Politischen Union angeht. Dabei ist die Stimmung im Land viel differenzierter. Es gibt keine Flucht aus dem Euro. Die Europäische Zentralbank und ihr französischer Präsident genießen höchstes Ansehen. Die große Mehrheit fühlt sich abgestoßen von nationalistischen Tiraden über "Pleite-Griechen".

Sicher, die Bundesbürger wollen nicht Kreditgeber für alle werden. Sie sehen aber Europa nach wie vor als die Lösung und nicht als das Problem. Sie hätten nur gerne mal erklärt, wie wir uns aus der misslichen Lage befreien, erst Nein zu sagen, dann doch zu zahlen, ohne aber die Integration zu vertiefen. Doch leider bleibt diese Erklärung aus. Deutschlands Bürger werden politisch unterfordert, nicht nur beim Euro.

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6 Kommentare zu "Blickpunkt Berlin: Die Überraschung des Jahres: die Deutschen"

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  • Der Hanke-Kommentar hat mit der Realitaet in D. nichts zu tun. Dass solche schludrigen (nationaistichen) Hymnen im Hb leider zunehmen, liegt schlicht daran, dass ein Mann wie Steingart das blatt leitet. Als Washington-Korrespondent des SPiEGEL sonderte der Kommentare ab, die an Deutschtuemelei nicht mehr zu uebertreffen waren. (Wahrscheinlich haette ihn sonst die Redaktion in Hamburg nicht gedruckt).
    Jedenfalls schade ums Hb!

  • Herr Hanke, ich weiß ja nicht, woher Sie ihre informationen nehmen, aber ihr Artikel hat Welt-online Niveau
    --Die Deutschen gehen keinen Populisten auf den Leim?
    Na, dann schauen Sie doch mal nach Stuttgart, die Deutschen gehen den grünen Populisten auf den Leim. Die Grünen sind nachweislich eine sozialistische und deutschfeindliche Partei
    sie laufen derzeit wie Rattenfänger durchs Land und immerhin ca. 20% der Deutschen fallen auf sie rein.
    Übrigens, wenn man sich mal genau anschaut, wer da in Stuttgart hauptsächlich unter den Demonstranten ist, dann habe ich so das Gefühl, dass sind Alt-68er die noch mal so richtig das Land aufmischen wollen.
    Dann ein paar von links aufgehetzte Jugendliche, die gar nicht so genau wissen, um was es geht.
    --Politikverdrossenheit gibt es nicht, die Deutschen wollen mehr Politik?
    Welche Deutschen?
    Nehmen Sie mal zur Kenntnis, dass ein Großteil total verdummt ist/wurde und sich für nichts interessiert, außer für
    Verblödungs-TV.
    Der andere Teil war nie politikverdrossen, sondern Politiker verdrossen und ist es noch.
    Dass sind die, die sich abgewandt haben vom Staat und der Politik. Die zusehen, dass sie sich und ihre Familien gut durchbringen und die auch nicht mehr wählen gehen.
    Um mit Sarrazin einer Meinung zu sein, muß man ja nicht zwangsläufig eine rechte Partei, also die NPD wählen.
    Die NPD ist bei uns nun wirklich eine Partei, die wohl die Mehrheit nur anekelt, daher wird sie auch nicht gewählt.
    Ansosnten sind sehr sehr viele Deutsche von dieser Zuwanderung nicht begeistert.

    Wären die Deutschen aufgeklärt und an Politik interessiert und hätten wir mal wieder richtige gute Gewerkschaften, die einiges anstoßen, würden sie in Massen auf die Straße gehen, derart viel Ungerechtigkeiten gibt es hier.
    Nehmen wir mal diese neue GEZ-Abgabe. die nun alle zahlen müssen, egal ob sie Geräte haben oder nicht. Und die von einem SPD-MP auch noch als guter Kompromiss gepriesen wird.
    Demnächst zahlen wir dann noch alle Hundesteuer, auch wenn wir keinen Hund haben, oder?
    Nehmen wir die neuerliche Tabaksteuer
    Nehmen wir die Ausbeuter-Leiharbeit
    Nehmen wir die sonstigen Niedriglöhne
    Nehmen wir die Aufstocker
    usw. usw. usw.
    Solange viele noch auf Pump in Urlaub fahren, die Sozialhilfedynastien ihr Verblödungs-TV und die Dose bier haben, warum sollen sie denn da aufmucken?
    Denen geht es doch gut. Die haben ja auch einen anderen Anspruch ans Leben als Sie oder ich.
    Die sind von GEZ-Gebührfen befreit, also was interessiert es diese Leute?
    So lange die 22jährige Sozialhilfe-Mami mit 4 Kindern von 4 Männern für jedes Kind einen Zuschlag vom Amt kriegt, warum soll sie da irgendwas kritisieren?
    Die Verlierer sind die wahren Arbeitslosen, die nach einem Jahr Arbeitslosigkeit per Gesetz zu Asozialen gemacht werden.
    Aber die schämen sich, die bleiben unsichtbar.
    Oder wie würden Sie geagieren, wenn Sie aus ihrem Job gekegelt werden und dann so leben müssen weil der Staat das befiehlt.
    Sie werdne alles tun, die Fassade nach außen zu halten und lieber selbst hungern, als ihrem Kind was zu verweigern, damit es in der Schule nicht auffällt, dass Papa/Mama keine Arbeit hat.
    Und die Rentner, die ihr Leben lang geackert haben, heute Minirenten bekommen, ihren Lebensstandard drastisch nach unten schrauben müssden, weil der Staat ständig irgendwelche Faktoren in die Rentenkasse packt, die de facto jedes Mal eine Kürzung sind, sie haben keine Lobby. Und das, obwohl sie Jahrzehnte in eine Vers. gezahlt haben und je nach Gehalt z. T. hohe beträge

    Das Herr Hanke, ist die Lebenswirklichkeit derzeit in Deutschland. Machen Sie mal die Augen auf, sehen Sei mal genauer hin.
    Also Herr Hanke, so einen Unsinn im Handelsblatt, daas erschüttert mich schon.

    Und was diesen Moloch EU angeht, sind immer mehr Deutsche dagegen. Diese EU hat nichts mehr mit der einstigen Europ. Union zu tun, die von Adenauer und De Gaulle ins Leben gerufen wurde.

  • ich kann mich dem dritten Kommentar nur anschließen. Hier wird oft genug nicht mehr für das Volk, sondern gegen das Volk regiert. Die Europäer allgemein haben es doch auch satt sich als Rassisten, islamophobe und ähnliches schimpfen zu lassen weil ihre Kinder heulend aus der öffentlichen Schule kommen, in der sie gerade von halbstarken Jugendlichen mit Migrationshintergrund abgezockt und /oder verprügelt wurden. Wachen Sie auf Mann!

  • Hanke: "Sicher, die bundesbürger wollen nicht Kreditgeber für alle werden. Sie sehen aber Europa nach wie vor als die Lösung und nicht als das Problem. Sie hätten nur gerne mal erklärt, wie wir uns aus der misslichen Lage befreien, erst Nein zu sagen, dann doch zu zahlen, ohne aber die integration zu vertiefen. Doch leider bleibt diese Erklärung aus. Deutschlands bürger werden politisch unterfordert, nicht nur beim Euro."
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    ich weiß ja nicht, woher Sie ihre informationen beziehen und sich daraus ihre Meinung und Kommentare bilden und hier veröffentlichen.
    Aber die Mehrheit der Deutschen will keinen Euro und keine EU-Transferunion oder Eurobonds - daß ist Fakt. Alle die unter den Rettungsschirm müssen, fallen als Nettozahler aus - das ist Fakt. Ebenso will die Mehrheit der Deutschen keine "Vereinigten Staaten von Europa" - auch das ist Fakt. Diese Ablehnung des Euros hat rein gar nichts mit Nationalismus und Kleinstaaterei zu tun, sondern ist für den Normalverdiener eine Form des "nackten finanziellen Überlebens". Sie als Redakteur des Hb können eine inflationierung des Euros durch ihre hohen Gehaltseinkünfte und regelmäßigen Gehaltssteigerungen locker verkraften. Sie als Verlag sitzen mit im Elfenbeinturm der besserverdiener und Europrofiteure. Wir an der Arbeiter- und Malocherfront jedoch nicht mehr, wir sind seit Jahren die Euro-Verlierer. Unsere Löhne stagnieren seit Jahren, unsere Arbeitsbedingungen und erzielbaren Einkommen werden immer schlechter. Wir, die niemals gefragt wurden, ob sie den Euro und die EU als Zukunftsmodell für sich und ihre Kinder durch eine demokratische Volksabstimmung legitimieren, wurden NiEMALS befragt. Man hat uns den Euro und die EU-beamten-Eurokratie, den Menschenhandel durch Leiharbeit, Minijobs, Midijobs, prekäre beschäftigung, Hartz iV-Reform, Rentenkürzung und Renteneintrittsaltererhöhung politisch und wirtschaftlich gewollt aufs Auge gedrückt. Unsere Politiker haben es im bundestag und bundesrat durchgewunken. Wir die breite Masse der Normalos, ohne Studium und akademischen bildungsgrad sind diejenigen, die durch Arbeit hauptsächlich dafür verantwortlich zeichnen, den Wohlstand in D durch unsere harte, EHRLiCHE Arbeit an der Werkbank, in büros, Handwerk, Mittelstand usw. zu erwirtschaften und diesen für alle (auch für Sie Herr Hanke) zu erhalten, sollen jetzt wieder für Kapitalverbrecher und bankster bezahlen.
    Wir erschaffen täglich reale Werte, keine virtuellen Luftbuchungen. Von mir aus können die banken und die Kapitalterroristen alle über die Wupper gehen. Wir verdienen unser Geld durch mühsame schwere Arbeit, nicht durch leistungsloses Einkommen durch Zins- und Zinseszins, Spekulation und Fremdfinanzierung. Den Euro, den viele Deutsche zutiefst ablehnen, soll jetzt genau von uns Steuerzahlern gerettet werden - sowas ist einfach paradox uns zutiefst unfair. ich jedenfalls werde nicht einen Eurocent für die Rettung bezahlen und ich hoffe, daß sich meine Landsleute ebenfalls der jahrzehntelangen Zahlungen verweigern. Auch Sie beim Hb sollten sich über ihre einseitige Pro-Euro-berichterstattung selbstkritisch Gedanken machen.

  • indirekt ist das schon eine neue Verweigerungskultur, nämlich die Verweigerung bzgl. des für Dumm-verkauft-werdens seitens Entscheidungspersonen, die keinen Konsens mit ihren Wählern suchen. Wahrscheinlich denken die, das ja sowieso nur indirekt per Liste gewählt wird und dadurch das Volk aussen vor. Dem ist nicht so! Das sind "Volksvertreter" allesamt, d.h. sie sind die Diener des Volkes, nicht die beherrscher des Volkes! Nur wenn sie dem Volk dienen, erfüllen sie ihren Platz und ihre Rolle. Auf die anderen kann man leicht verzichten.

    Und in Griechenland deutlich zu sehen, wohin diese Denke, wie am berliner Olymp auch, dann führt...

  • Dank an den Autor, sie sprechen mir aus der Seele. Es wird immer so getan als wären die Deutschen zu bequem für Änderungen. Aber sie sind nicht alle so. Warum aber sind die politischen Entscheider so kleinmütig? Da muss es doch auch einige unabhängige Denker geben?

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